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Himmelblaue (Un-)Gerechtigkeiten

Gerechtigkeit, Statue, Lady Justice

Mit dem Urteil des Arbeitsgerichts Chemnitz zur außerordentlichen Kündigung von Fußballspieler Daniel Frahn wird wohl die nächste Baustelle des Chemnitzer FC zu einem Debakel. Das was im Nachgang an pressetechnischer Aufarbeitung und Verlautbarungen zum weiteren gerichtlichen Vorgehen bekannt geworden ist, bietet jetzt schon reichlich Stoff für weitere unruhige Zeiten.

Ruhigere Zeiten stehen nun Daniel Frahn erstmal bevor, da er dieses Urteil als klaren Erfolg verbuchen kann.

Nun ist mit dem Urteilsspruch das Verfahren jedoch nicht vom Rasen. Der CFC teilte im Anschluss mit, dass er diese Entscheidung nicht akzeptieren und gegen das Urteil Berufung einlegen wird. Das ist in einem Rechtstaat nix ungewöhnliches und trägt dann sicherlich zur weiteren Rechtsklarheit bei. Schließlich handelt es sich hier um ein nicht so oft vorkommendes Verfahren vor einem Arbeitsgericht. Und daher die beste Gelegenheit für Klaus Siemon, ein weiteres Exempel statuieren zu können?

Mir wäre es lieber gewesen, irgendein anderer Verein oder Firma müsste sich mit solchen Problemen auseinandersetzen. Aber der CFC bzw. die Fußball GmbH hat sich ja als Bollwerk gegen Rechtsradikalismus (teilweise berechtigt) positioniert und nun ist der Gang durch die gerichtlichen Instanzen angezeigt.

Einerseits finde ich die gerichtliche Auseinandersetzung gut. Denn die letzten Jahre hat sich doch beim CFC gezeigt, dass die gerichtliche Prüfung von vielen Wortmeldungen, Behauptungen und Vorgängen zur Klarheit beigetragen hat. Aktuellstes Beispiel: die Farce um das Telefonat zwischen Frahn’s Anwalt und Trainer Glöckner.

Auf der anderen Seite bin ich mir unschlüssig darüber, ob der CFC sich mit der Berufung einen Gefallen tut. Schließlich müsste man diese Baustelle weiter offenlassen und auch ein paar unangenehme Fragen beantworten. Denn nun bedarf es der Klärung, warum wieso weshalb bei der Feier zur Regionalliga Nordost Meisterschaft unerwünschte Personen mitgefeiert haben. Wie haben jene überhaupt Zugang erhalten? Hat man sie nur geduldet, um eine Eskalation zu vermeiden? Gab es ein Verbot der Teilnahme dieser Personen? Oder gab es eine Einladung zur Feier? Welche Verantwortlichen wussten was zu welchem Zeitpunkt? War vielleicht Ex-Geschäftsführer Sobotzik dran Schuld? Oder Trainer Bergner? Oder die Security? Oder hat sich die Zusammenkunft rein zufällig ergeben? Wichtige über noch wichtigere Fragen.

Auch solche gibt es zum Thema Abmahnung: Wann und wie wurde Daniel Frahn abgemahnt? Gab es eine schriftliche Abmahnung und wurde diese Frahn übergeben? Gab es dazu Gespräche mit Siemon und Sobotzik? Oder nur mit Siemon? Oder nur mit Sobotzik? Wurde Frahn von Sobotzik zur Kontaktunterlassung aufgefordert? Wenn ja, wie oft und in welcher Form (schriftlich und/oder mündlich)? War die Aufforderung zur Kontaktunterlassung deutlich genug? Hat vielleicht Sobotzik nicht eindringlich genug darauf hingewiesen? Ist er vielleicht der Hauptschuldige und sollte zur Rechenschaft gezogen werden? Gab es strafrechtliches relevantes Verhalten? Gab es Verstöße gegen den Arbeitsvertrag? Noch mehr allzu wichtige Fragen. Sherlock Holmes, bitte übernehmen Sie!

Bevor man sich jedoch an die Beantwortung macht, sollte zunächst geklärt werden, ob die Antworten auf solche Fragen überhaupt gebraucht werden? Was will der CFC mit der Berufung erreichen? Das für jeden und jede nun endgültig offensichtlich wird, dass der CFC ein massives Problem mit rechtsradikalen Fans hat? Wie teilte doch der Vorsitzende des Fanszene e.V., angesprochen auf den Anteil derjenigen erläuternd mit: „Die Rechten seien in der Kurve nicht in der Mehrheit, sagt Markus Müller, der Vorsitzende der Fanszene e.V. „Sie haben aber das Gewaltmonopol. Das wird auch ab und zu mal demonstriert.““ Tja, etwas zu demonstrieren ist ja nicht verboten. Etwas zu demonstrieren kann allerdings unterschiedliche Emotionen hervorrufen.

Völlig emotionslos agieren wahrscheinlich die am Gerichtsverfahren Beteiligten. Bemerken sie doch nicht, dass sie (außer der Vorsitzende Richter) jetzt schon als Verlierer dastehen und den Gerichts-Platz auch nicht als Gewinner verlassen werden.

Für den CFC könnte es erstens richtig teuer werden, zweitens erfolgt die schmerzliche Auseinandersetzung mit dem allzu laxen Umgang mit unerwünschten Personen und drittens wird die angestrebte Image-Politur erstmal von einem Haufen Scheiße durchkreuzt. Da wäre dann, neben einer insolvenzrechtlichen Beratung, auch eine Beratung in Krisenkommunikation sowie zur Verbesserung des Image von Nöten. Für Daniel Frahn könnte es auch nicht gut ausgehen. Schließlich wird ihn die weitere gerichtliche Auseinandersetzung davon abhalten das zu tun, was er am besten kann: Tore schießen.

Da ja bald Weihnachten ist: Ich wünsche mir zum Wohle des CFC und Daniel Frahns eine zeitnahe einvernehmliche Lösung. Dies könnte z.B. eine Abfindung sein. Lieber jetzt eine zahlen, als später vielleicht wieder vor Gericht zu verlieren. Ein frommer Wunsch, aber in den aktuell unruhigen Zeiten mit Abstiegskampf, Insolvenzverfahren und sonstigen Nebengeräuschen bin ich froh, wenn nicht noch mehr Reizpunkte gesetzt werden.

By Nino

 

Versammlung am Pulverfass?

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Knapp zwei Monate nach den Vorfällen rund um das Heimspiel vs. VSG Altglienicke am 9. März 2019 hat der Nordostdeutsche Fußballverband sein Urteil nach mündlicher Verhandlung verkündet. Dies lautet in Kurzform für den Chemnitzer FC:

  • Geldstrafe von 12.000€, hiervon können bis zu 5.000€ für Maßnahmen gegen Rechtsextremismus und Rassismus verwendet werden,
  • Zuschauerausschluss in den Blöcken der Südtribüne des Stadions für das kommende Regionalliga-Meisterschaftsspiel und zwei weitere Blocksperren auf Bewährung für Meisterschaftsheimspiele in den kommenden zwei Spielzeiten,
  • Entwicklung von strategischen Maßnahmen gegen Rechtsextremismus und Rassismus mit Unterstützung externer Fachleute,
  • Besetzung der Stellen eines Fanbeauftragten und eines Antirassismusbeauftragten.

Der CFC hat das Urteil akzeptiert und somit ist dieses rechtskräftig. Zur Umsetzung der Blocksperre hat der CFC einen Tag nach Urteilsverkündung mitgeteilt, dass er aufgrund dessen dazu verpflichtet ist, „den Umzug in andere Blöcke des Stadions – An der Gellertstraße zu unterbinden. Ein Umtausch von Tickets, Kompensationsgeschäfte, Rücknahmen etc. sind deshalb untersagt. Bei Zuwiderhandlung droht dem Chemnitzer FC eine Ausweitung der Blocksperre auf weitere Heimspiele sowie Strafen bis hin zu Punktabzug oder Strafversetzung.“ Die Aufforderung an alle Anhänger lautet daher: „Wir stehen unter besonderer Beobachtung – während der Zulassungsperiode mehr denn je. Ich wünsche mir, dass unsere Fans den hart erarbeiteten, sportlichen Erfolg nicht durch unüberlegte Aktionen aus der Emotion heraus gefährden.“

Meine erste Reaktion dazu: „Ach du Scheiße!“ Und so länger ich darüber nachdenke, habe ich erhebliche Zweifel, dass das ein gutes Ende für den CFC nimmt. Es mutet wie die Versammlung am Pulverfass an. Eine falsche Aktion kann die zündende sein.

Die moralische bzw. Anstands-Latte wurde von Sportvorstand Sobotzik jedenfalls ordentlich hochgelegt … „unüberlegte Aktionen aus der Emotion heraus“ … gewiss ist ihm dabei nicht entgangen, dass mit einem Punktgewinn die Meisterschaft der Regionalliga Nordost 2018/2019 endgültig klargemacht werden kann. Wenn nicht, wann dann führen solche sportlichen Ereignisse bzw. erreichten Ziele zu einem Platzsturm oder zu emotionalen Aktionen/Reaktionen? Wenn nicht sogar nur aus der reinen Freude und puren Emotion am schönen Spiel Fußball heraus? Ihm wird doch wohl auch nicht entgangenen sein, dass gerade im Fußball die Emotion gerne als Erklärung für alles Mögliche genutzt wird. Der dezente Hinweis auf die „besondere Beobachtung“ ist jedenfalls provokativ wie zutreffend. Die örtlichen wie bundesweit berichtenden Pressevertreter werden wieder zahlreich und nicht nur wegen der Bilder einer leeren Süd ins Stadion kommen. Die ganz große Aufmerksamkeits-Bühne steht bereit und wartet nur darauf, betreten zu werden. Das wissen sicherlich alle Beteiligten.

Neue Ränge werden jene Fans betreten müssen, die sonst in der Südkurve stehen. In dieser versammeln sich auch diejenigen, die vielleicht nicht dem CFC, aber den aktuell handelnden Personen, insbesondere Insolvenzverwalter Siemon in die Parade fahren wollen könnten. Die „Siemon-raus-Rufer“ also. Trifft man sich vielleicht auf der Haupttribüne? Man könnte fast meinen, diese ganzen Maßnahmen sind eine gezielte Provokation der CFC-Verantwortlichen. Die Provokation von unüberlegten Aktionen, quasi in irgendeiner Weise unsportliches Verhalten herbeizuführen. Dieses könnte dann elegant unter dem Deckmantel des Hinweises auf die „besondere Beobachtung – während der Zulassungsperiode mehr denn je“ und der Gefährdung der Rückkehr in die 3. Liga demonstrativ moralisch und im Enddefekt (je nach Vorkommnis) auch juristisch geahndet werden. Und die möglichen Beschwerden würden souverän abgebügelt werden.

Aber ist Siemon so ausgebufft? Hat er mit der Auslegung des Urteils einen riesigen Honigtopf ins Stadion gestellt? Und sind die „Siemon-raus-Rufer“ so wahnwitzig leichtsinnig, um dahin zu laufen bzw. in die Falle rein zu stolpern? Denkt er wirklich, dass seine Widersacher dieses Spiel nutzen, um deutlich zu machen, wer wirklich der Chemnitzer FC ist? Wohl nicht ganz zufällig hat er am Tag der Mitteilung zur Umsetzung der Blocksperre in einem Interview mit der Freien Presse u.a. mitgeteilt, dass das Insolvenzverfahren noch Jahre dauern kann und er verhindern will, dass „sich die Saboteure der Sanierung in einer Mitgliederversammlung durchsetzen“. Nicht gerade diplomatisch in Zeiten, in der ein Miteinander besser wäre, als ein Gegeneinander (mal ganz vereinfacht gesagt). Das Pulverfass scheint gut gefüllt zu sein.

Also wohlgesonnener CFC-Fan kann ich jedenfalls nur inständig hoffen, dass es im Spiel gegen den ZFC Meuselwitz zu keinen „unüberlegten Aktionen aus der Emotion heraus“ kommt. Wenn ich gläubig wäre, dann würde ich sicherheitshalber bis Sonntag einmal täglich für ein ruhiges Spiel beten. Ich gehe aber felsenfest davon aus, dass sich alle Beteiligten mehr oder weniger piekfein, auf jeden Fall nicht unsportlich verhalten und die Meisterschaft, so sie denn gefeiert werden kann, bejubelt wird.

Abgesehen davon gibt es allerdings keinen ungünstigeren Zeitpunkt als dieses wohlmöglich vorentscheidende Meisterschaftsspiel, um eine Blocksperre quasi abzusitzen. Pessimistisch gesehen könnte nämlich dieses Spiel auch zu einem weiteren eher traurigen Höhepunkt in der langen Geschichte des CFC werden. Die Suche nach den Schuldigen könnte dann interessant werden.

Für Spannung ist also auf und neben dem Platz bzw. um das Pulverfass herum gesorgt. Und wie hieß es schon bei Forrest Gump? „Dumm ist der, der Dummes tut.“

In diesem Sinne auf die himmelblaue Hoffnung, dass jeder ein schönes Spiel sehen will und im besten Fall auch die vorzeitige Regionalliga-Nordost-Meisterschaft bejubelt werden kann.

By Nino