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Himmelblaue Wut

Ärger

Ein Monat ist nach der Trauerfeier im Stadion An der Gellertstraße für den Verstorbenen Thomas H. vergangen. Seit diesem 9. März 2019 befindet sich der Chemnitzer FC nicht mehr nur in einer finanziellen Krise, sondern auch in einer Image- und Identitätskrise. So war das ganze Zustandekommen und die ersten Reaktionen und Aktionen des CFC schon beschämend genug, so geben die Geschehnisse der letzten Wochen nur noch Anlass wütend zu sein. Allen voran macht es mich wütend, wie einerseits die Verantwortlichen und Teile der Fans den Chemnitzer FC für ihre ganz eigenen Zwecke instrumentalisieren.

An der Spitze der beiden Gruppen stehen für mich einerseits der Insolvenzverwalter K. Siemon und andererseits die Ultras Chemnitz 99. Siemon, als Insolvenzverwalter gekommen, als Krisenmanager eher überfordert, als Reizfigur bei den Ultras jedoch herzallerliebst willkommen. Diese wiederum standen ganz vorne in der Trauerfeier-Reihe. Sie agieren als Meinungsmacher und präsentieren sich im Stadion als lautstärkste Gemeinschaft. Das Ergebnis dieses Konflikts: „Siemon raus!“ vs. „eine kleine bösartige Minderheit“. Die örtliche Freie Presse umschrieb die Situation mal mit „Eine Tribüne, zwei Meinungen- Ein Riss geht durch den CFC“, die überörtliche Süddeutsche Zeitung mit „Chemnitzer FC – der zerrissene Verein“. Irgendwo dazwischen liegt wohl die Wahrheit.

Die Wahrheit, ein großes Wort in diesen turbulenten Tagen. Nicht nur Wörter, nein, die ganz grundsätzlichen Fragen des Lebens bzw. zum Tod werden aufgeworfen. Ob man noch um einen Verstorbenen trauern darf? Obendrein um einen immer loyal gewesenen CFC-Fan! Selbstverständlich darf man trauern. Man darf, gerade vor dem Hintergrund der Vergangenheit des Verstorbenen (von der er sich nie distanziert hat), auch hinterfragen, ob das in einem Fußball-Stadion unbedingt notwendig war. Und selbst diese simplen Fragen offenbaren die tiefen Gräben innerhalb der himmelblauen Fanszene. Für die eine Seite war es nur eine Trauerminute, die ja sogar vom Verein quasi legitimiert, zumindest nicht verhindert wurde. Für die andere Seite ist gerade dieses Nicht-Verhindern genau das Problem und der Ausdruck von rechter Blindheit. Mehr denn je frage ich mich, für was der CFC eigentlich steht bzw. für was er stehen will? Himmelblau oder Himmelbraun?

Diese zugegebenermaßen provokative Frage steht bei manchem gar nicht zur Debatte. Welche Probleme, mal von den Finanzen abgesehen, gibt es denn beim CFC? Rechtes Gedankengut? Nicht bei uns! Und warum sollte das denn überhaupt ein Problem sein? Rassisten? Wir doch nicht! Nazi-Verein? Der CFC doch nicht! Rechtsradikal? Na da schauen wir erstmal im Duden nach und sezieren die Definition dafür. Frei nach dem Motto: Irgendwas ins-Weltbild-passende wird schon drinstehen. Ganz sicher für jedes Weltbild. Die Antwort dieser Fans ist jedenfalls klar wie Kloßbrühe: Jahrelang hatte der CFC kein Problem mit rechten Gedankengut und jetzt auf einmal soll das nicht mehr möglich sein? Großes Gelächter darüber inklusive.

Es verwundert auch nicht wirklich, dass eine Vielzahl der Fans dieser Einschätzung bierernst zustimmen. Der CFC hat nämlich ein Umfeld geschaffen bzw. konnte sich ein solches entwickeln, in dem man offensichtlich kein größeres Problem damit hat, für einen Rechtsextremisten eine Trauerfeier zu veranstalten. Bezeichnenderweise war es der neue Pressesprecher S. Wunderlich (seit Mitte Februar 2019 im Einsatz) der bei der Beratung zu diesem Vorhaben als Einziger darauf hinwies, dass diese Trauerfeier wahrlich keine so gute Idee ist. Bei allen anderen Involvierten herrschte wohl himmelblaue Betriebsblindheit.

Und die Reflexe derjenigen Fans auf das Thema „rechtes Gedankengut“ sind immer die gleichen: Ablehnung, Verharmlosung, Relativierung, ins Lächerliche ziehen, auf die Gegenseite zeigen (hier also: die Linke/Linksradikale/Linksextremisten). Wie heißt nochmal dieses Sprichwort? Getroffene Hunde bellen! Diese vor allem viel und laut.

Auch die Sprache ist bezeichnend: „Lügenpresse“, „systemtreu“, „Volkswille“, „von oben gesteuert“. Die Alu-Hut-Fraktion ist da nicht mehr weit weg. Eine wirkliche Diskussion ist kaum noch möglich und endet alsbald an dem Punkt, den ich schon mal zum himmelblauen Fan-Ultra-Mitglied-Wesen beschrieben hatte. All jene die auf diese Missstände hinweisen und auch mal auf Grundwerte oder sogar auf das Grundgesetz (!) Bezug nehmen, werden pauschal in die Schubladen „Linke/Grüne“, „Mainstream“ und nicht zu vergessen der Klassiker: „Gutmenschen“ gesteckt. Der Ton ist definitiv rauer geworden und das Verständnis auf allen Seiten immer weniger.

Vielleicht sehen die Kritiker auch alles viel zu engstirnig. Ist der Chemnitzer FC einfach nur der Verein, dem es schlicht und herzlich egal ist, welche politische Einstellung seine Fans haben? Dass man schlicht und herzlich einfach nur den Menschen sieht, der sich für die Himmelblauen interessiert? Jeder ist willkommen! Alle können himmelblaue Fans sein! Egal was du machst, was du denkst, wie du aussiehst, frei von allen Kategorien. Das himmelblaue Paradies, hier treffen sich alle. Von links, mittig, rechts, linksextrem, rechtsextrem, nur um mal die politischen Richtungen zu nennen. Von der Vielzahl der Religionen ganz zu schweigen. Aus dieser Denke heraus, ist es nur konsequent solch eine Trauerfeier zu veranstalten. Aus Gründen der Menschlichkeit. Aber dann soll man bitte auch dazu stehen und sich nicht bei aufkommender Kritik kleinlaut und hastig wegducken.

Ist es wirklich so einfach? Ist es wirklich so einfach, das Kunststück zu vollbringen, dass der Mensch und seine himmelblaue Leidenschaft von allem anderen was ihn ausmacht, getrennt zu betrachten? Egal welche Ansichten man hat, egal welche Vergangenheit man hat? Alles Wurscht, Hauptsache man ist ein Himmelblauer?! Vielleicht ist der CFC wirklich derjenige Verein, indem Toleranz nicht nur gepredigt wird, nein sogar vollends konsequent ausgelebt wird. Wenn dem so ist, dann ist es umso verständlicher, dass solche Plakate mit Toleranz, Weltoffenheit und Fairness gar nicht vonnöten sind. Die Besserwessis und all jene, die noch von „neuen Bundesländern“ reden, vergessen ja gerne, dass der Ostdeutsche schon ein Problem mit Bevormundung und politischer Einflussnahme hat. Der „Zonen-Hintergrund“ bleibt dann eben doch und ist nicht wegzudiskutieren. Das ist allerdings mehr eine Erklärung als eine Entschuldigung.

So nah der CFC an der Tür zur Rückkehr in die 3. Liga steht, so dringend ist zunächst die Auseinandersetzung mit der Trauerfeier und den bisherigen Konsequenzen. Diese sind schließlich schon jetzt deutlich spürbar: Entlassung langjähriger Mitarbeiter, Austausch des Ordnungsdienstes, Verschiebung der längst überfälligen Mitgliederversammlung und selbst das neue Fan-Gremium schafft nicht mal die Hürde der ersten Sitzung. Hier hat sich ordentlich was zusammengebraut und unterm Kessel ist noch mächtig Druck.

Das zeigt sich eindrucksvoll an zwei Beispielen:

Erstes Beispiel: die neue Stadionsprecherin. Was wurde sie nicht ausgepfiffen (in Bezug auf FC Chemnitz zu Recht) und in den sozialen Netzwerken beschimpft. Ein ganz Eifriger war sich nicht zu fein dafür und schnüffelte in der Vergangenheit und präsentierte seine Rechercheergebnisse in einem großen sozialen Netzwerk. Ohje ohje, sie war privat bei einem RB Leipzig-Spiel. Nun kann man von RB halten was man will, aber Privatsache bleibt doch Privatsache. Aber soweit ist das Niveau schon gesunken. „Fußball-Gott“ D. Frahn war übrigens auch mal bei RB, als Spieler u. sogar Kapitän. Die Scheinheilige Doppelmoral lässt freundlich grüßen. Und die so oft eingeforderte Toleranz wird hierbei leichtfüßig weggegrätscht.

Zweites Beispiel: Die öffentliche Ausschreibung für die oder den neuen Fanbeauftragten. Der Großteil der Reaktionen war überdeutlich: Zurück in die Vergangenheit. Der Blick in die Zukunft, zugegebenermaßen pessimistisch: Wer es auch wird, die Arbeit und Akzeptanz der Person hat jetzt schon ein hohes Scheiter-Potenzial. Ein dickes Fell und eine breite Brust sind da sicherlich ganz hilfreich.

Neben all diesen Nebenkriegsschauplätzen macht es mich besonders wütend, dass keine Seite merkt, wie sehr das Ansehen des Chemnitzer FC dabei Schaden nimmt. Man will ja nur das Beste für den CFC! Bewirkt wird aber genau das Gegenteil. Allein mir fehlt der Glaube, dass in dieser Konstellation irgendjemand einen Fehler oder Zugeständnisse macht. Die Ultras Chemnitz 99 vielleicht? K. Siemon vielleicht? Da wird doch lieber Wasser gepredigt und Bier gesoffen.

Es reicht auch nicht mehr aus, auf andere Vereine mit ähnlichen Problemen wie Dortmund, Bremen, Aachen, Cottbus, Berlin, Hannover zu verweisen. Diese Vereine stellen sich wenigstens mehr oder weniger ihren Problemen und tun etwas aktiv dagegen. Allein das scheint bei den Himmelblauen nicht möglich. Plakataktionen und kostenlose Bekenner-Shirts bleiben dann eben nur teure Lippenbekenntnisse und Weg-Werf-Ware.

Nun überdeckt der sportliche Erfolg zwar einiges. Aber ohne eine offen-ehrliche Debatte über die Geschehnisse am und nach dem 9. März 2019 sowie über die zukünftige Ausrichtung der Himmelblauen werden spätestens in Liga 3 die alten Kämpfe wieder ausgetragen. Daher ist jetzt guter Rat teuer. Aber da sind wir ja beim zweiten Hauptproblem des CFC: das laufende Insolvenzverfahren. Einen weiteren Bankrott kann sich der CFC moralisch nämlich nicht leisten.

By Nino

 

 

BAK mal kleine Brötchen!

Brötchen

Oder auch „Ball flach halten“. Das sind die Empfehlungen an den Präsidenten des Berliner AK, Herrn Han, wenn er mit seinen Vorstandskollegen über die Teilnahme am Spitzenspiel gegen den Chemnitzer FC am 8. Spieltag der Regionalliga Nordost 2018/2019 berät.

Der Ursprung für diese groteske Situation liegt schon eine Weile zurück. Ende August 2018 kam es nach dem gewaltsamen Tod eines 35-jährigen Mannes zu extremistischen Ausschreitungen in der Stadt Chemnitz. Es folgte eine, immer noch andauernde, Debatte u.a. um die richtige Migrationspolitik. Herr Han hatte in dieser hitzigen Gemengelage medienwirksam mitgeteilt, dass der Berliner AK, sofern kein tragfähiges Sicherheitskonzept vorliegen würde, nicht zum Punktspiel in Chemnitz antreten werde. Zu diesem Zeitpunkt waren die Han’schen Sicherheitsbedenken durchaus nachvollziehbar. Stutzig machte aber zum einen der Zeitpunkt, da das Spiel erst in zweieinhalb Wochen stattfinden würde und zum anderen die Art und Weise der Ankündigung. Die Verantwortlichen des CFC reagierten jedoch besonnen wie sachlich und wiesen darauf hin, dass alles für einen reibungslosen Ablauf getan werde.

Im Rahmen dieser Vorbereitungen kam es nun vier Tage vor dem Spiel zum sog. „Sicherheitsgipfel“. Vertreter der Vereine, Staatsanwaltschaft, Polizei sowie Fanbeauftragte waren nach Chemnitz gekommen und verständigten sich auf ein Sicherheitskonzept. Augenscheinlichste Änderung: Die Anstoßzeit wurde von 13:30 Uhr auf 15 Uhr verlegt, da zu diesem Zeitpunkt eine bessere Polizeipräsenz gewährleistet werden kann. Alles paletti hätte man meinen und sich auf dieses Spitzenspiel freuen können.

Wäre da nicht wieder Herr Han, der zwar mit dem Ergebnis zufrieden ist, aber dennoch erst einen Tag vor dem Spiel mit seinen Vorstandskollegen darüber entscheiden will, ob sie zum Spiel antreten oder nicht. „Wir wollen noch abwarten und schauen, wie sich die Lage entwickelt“, lässt er sich zitieren. Obendrein will er für die Fahrt durch Chemnitz noch Polizeischutz für den Mannschaftsbus.

Spätestens an diesem Punkt fällt es einem schwer, ruhig und verständnisvoll zu bleiben. Um es vorweg zu sagen: Ich habe absolutes Verständnis für Sicherheitsbedenken und das es für den Berliner AK und seiner Teamstruktur eine sensiblere Herangehensweise erfordert. Ich habe auch aus rein egoistischen Gründen ein hohes Interesse an einem sicheren Ablauf des Spiels und will die Bedenken nicht klein reden und ihn in die „der-soll-sich-mal-nicht-so-haben“-Schublade stecken. Wie Herr Han aber in der Art und Weise kontraproduktiv dazu beiträgt, dass das Spiel unter besondere Beobachtung steht, dafür fehlt mir jegliches Verständnis. Sein Handeln wirft vor allem viele Fragen auf:

Warum ist Herr Han schon Ende August 2018 direkt in die Öffentlichkeit gegangen, anstatt erst einmal mit den Verantwortlichen des CFC, der Polizei und des Verbandes ins Gespräch zu kommen, um dort seine Sicherheitsbedenken anzumelden? Weil er dort auf taube Ohren gestoßen wäre? Ja, in Chemnitz gab es Ausschreitungen und es wurde ein hässliches Bild von Chemnitz gezeichnet. Es gab aber auch andere Veranstaltungen bei denen u.a. 65.000 Menschen friedlich demonstriert haben.

Warum wollen Herr Han und seine Vorstandskollegen erst einen Tag vorher entscheiden, ob sie in Chemnitz antreten oder nicht? Welche Informationen braucht er noch? Warum lässt er nach dem Sicherheitsgipfel alle anderen Beteiligten drei Tage im Ungewissen?

Jetzt warten sicherlich alle total gespannt auf die Entscheidung des BAK-Vorstandes. Wie soll dann die Pressemitteilung aussehen? „BAK-Vorstand entscheidet nach Chemnitz zu kommen“. Will er dafür noch Applaus einheimsen, oder was?

Mit all diesen Forderungen sowie der Taktik des Hinhaltens hat er nur unnötig Öl ins Feuer gegossen. Womöglich torpediert er sämtlichen Anstrengungen des CFC ein sicheres Spiel zu gewährleisten. Die Chance, die Sache zu einem guten Ende zu bringen, die hat er noch. Nicht, dass sich dann wirklich noch jemand provoziert fühlt und zu einem Zwischenruf ansetzt. Oder sogar darauf hinweisen sollte, das Berlin in Sachen Kriminalität nicht gerade als Vorbild dient. Es ist ja nicht so, dass sich dort arabische Clans feindlich gegenüberstehen, mit der Folge das verletzte Mitglieder in einem unter Polizeischutz stehenden Krankenhaus behandelt werden. Von diesen Zuständen ist Chemnitz zum Glück noch weit entfernt und soll es auch bleiben. Das nur am Rande.

Herrn Han ist ja hoffentlich nicht entgangen, dass der CFC gerade an diesem Spieltag ein Zeichen für TOLERANZ – WELTOFFENHEIT – FAIRNESS setzen will. Diese Chance sollte dem Verein und den Fans nicht genommen werden. Chemnitz ist nämlich wirklich mehr bunt statt braun. Und ganz nebenbei: Diese Aktion hat auch nix mit Politik zu tun. Das sind Selbstverständlichkeiten, die in jeder Gesellschaft die Grundlage des Zusammenlebens sein sollten.

Der eigentliche Skandal wäre die Absage des Berliner AK. Das wäre nicht nur ein Bärendienst für die Fans, all jenen die für ein sicheres Spiel sorgen wollten und für den CFC, der gerade an diesem Spieltag eine Botschaft senden wollte. Herr Han und seine Kollegen sollten sich das also gründlich überlegen. Er soll lieber seine Energie darauf verschwenden, dass der Fußball zukünftig mit weniger Polizeipräsenz, also weniger Hilfe des Staates auskommt. Der Fußball kann doch seine Angelegenheiten selber regeln.

Der CFC und seine Fans stehen jedenfalls für das Spitzenspiel bereit. Dem siebten Sieg soll der Achte folgen. Zur Not auch am grünen Tisch.

By Nino