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Leserbrief zur stern-Stimme Philipp Köster

Sterne

Lieber Herr Köster,

dies ist ein Leserbrief zu ihrem Artikel „Lasst die Fans doch Timo Werner auspfeifen!„.

Eigentlich war Ihre letzte „Kabinenpredigt“ zum Thema „Der Fußball und der Kommerz – ein hoffnungsloser Fall“ schon ein Leserbrief wert. Ich entschied mich dann aber nicht auf den öden Mecker-Zug aufzuspringen. Dann doch lieber die 10 Anti-Kommerz-Gebote formulieren und proaktiv etwas gegen die Kommerzialisierung im Fußball-Geschäft zu tun.

Mecker-Zug deswegen, weil sich Ihre bisherigen 20 Texte nur um den FC Bayern München, Borussia Dortmund, Kritik am Kommerz oder was alles langweilig ist (die Meisterschaft generell, die dann der FCB gewinnt oder dessen schnöde Meisterfeier) oder den HSV drehen, dann aber nur in Verbindung mit dem FCB (8:0 Niederlage). Neben diesen Themen gibt es lediglich Ausnahmen (Nationalmannschaft, SC Freiburg, gute/böse Schwalben, Sportsgeist von Julian Nagelsmann). Aber das war es dann auch schon. Leider.

Jetzt also Timo Werner und die Pfiffe beim WM-Qualifikationsspiel vs. San Marino. Da die Pfiffe, vor dem Hintergrund der Vorgeschichte, so vorhersehbar wie das Amen in der Kirche waren, habe ich mich auch mit dem Thema beschäftigt und die passende bzw. luftige Geschäftsidee entwickelt. In der leisen Hoffnung, dass Timo Werner dann von allen sogenannten Fußball-Experten ein amtlicher #BossMove attestiert wird.

Kurz zusammengefasst müsste, wenn es nach Ihrer Meinung ginge, diesem unwürdigem Treiben jedoch kein Ende gesetzt werden, weil Timo Werner selbst dran schuld ist. Richtig so? Also immer schön weiter mit den Pfiffen und der einhergehenden öffentlichen Demontage eines Fußball-Spielers. Besteht denn noch die Chance, dass sich Timo Werner „rehabilitiert“? Ab wann kann denn nach Ihrer Ansicht nach Schluss damit sein? Den Fehler hat er, wenn auch reichlich spät, eingestanden und er würde es gerne rückgängig machen. Soll er mit dem Fußball spielen aufhören? Da sehe ich die Schlagzeile schon vor mir: „Timo Werner beendet Karriere- Die Pfiffe wurden ihm zu viel“. Reißerischer geht’s bestimmt, da kennen Sie sich besser aus.

Dabei geht es bei diesem Thema nicht nur um die Pfiffe, sondern auch um die leidigen Begleiterscheinungen, die sie kritisieren. Dazu will ich Ihnen folgendes sagen, zur besseren Nachvollziehbarkeit geht’s chronologisch oben los.

„Lasst die Fans doch Timo Werner auspfeifen!

Die allgemeine Empörung wegen der Pfiffe gegen Timo Werner ist völlig übertrieben und außerdem kontraproduktiv. Für den Spieler und die Funktionäre gilt: Einfach mal die Klappe halten, findet stern-Stimme Philipp Köster.

Es spricht nicht gerade für den Spannungsgehalt des einseitigen WM-Qualifikationskicks gegen San Marino, dass hinterher nicht über die bisweilen fahrlässige Chancenverwertung der deutschen Elf beim 7:0 debattiert wurde, sondern über die Pfiffe, die sich der Leipziger Stürmer Timo Werner bei seiner Einwechslung anhören musste.

Was war anschließend die Aufregung groß. Bei den Medien, die gleich mal mit ganz großen Kanonen schossen. „Unfassbar dämlich“ seien die Pfiffe gewesen, keuchte die „Welt“, der „Express“ fand sie gleich „einfach nur erbärmlich“ und Eurosport erblickte zitternd „eine wahre Hetzjagd“. Anders als mit derart pochender Halsschlagader können heute fußballerische Themen offenbar nicht mehr verhandelt werden. Was auch an der Dauerempörung der Funktionäre liegt. RB-Geschäftsführer Oliver Mintzlaff keifte „Frechheit“ und Bundestrainer Jogi Löw barmte, einer, der 21 Tore in der Liga geschossen habe, „der darf nicht ausgepfiffen werden!““

Die von Ihnen zitierten Medien und deren Überschriften sind wirklich übertrieben und weit von sachlich entfernt, keine Frage. An sich bergen sie jedoch aber auch einen Funken Wahrheit in sich. Leider ist es, nicht wie von Ihnen genannt, ein fußballerisches Thema. Es geht schlichtweg darum, einen jungen Spieler wegen einer unfairen Aktion und seiner Vereinszugehörigkeit öffentlich zu beschimpfen. Ihr 11Freunde-Kollege Reich hat das treffsicherer beschrieben: „Indes: Mit Pfiffen ist es in der Causa Werner nicht mehr getan. Auf Mallorca gibt es mittlerweile T-Shirts mit Werner-Schmähungen zu kaufen, eine Ballermann-Schmeißfliege namens Ikke Hüftgold hat Werner gar ein »Lied« gewidmet, das niemand hören sollte, der nicht direkt zehn IQ-Punkte verlieren will.

Die „Dauerempörung der Funktionäre“ kommt ja auch nur deswegen zu Stande, weil es 1. zu einem Dauerthema geworden und 2. es die Pflicht von Funktionären ist, solchen Entwicklungen nicht tatenlos zuzuschauen. Was würde denn erst geschrieben, wenn die Funktionäre „ihre Klappe halten würden“? Dann heißt es doch: Timo Werner hat keine Unterstützer mehr. Niemand nimmt ihn in Schutz. Niemand stellt sich vor ihn. Die Funktionäre haben schließlich auch eine Verantwortung gegenüber den Spielern.

„Jeder darf pfeifen, wenn er will

Es wird Löw und die anderen Funktionäre erstaunen, aber tatsächlich dürfen Zuschauer in Fußballstadien pfeifen, wann und wo sie wollen. Der Erwerb eines Tickets verpflichtet nicht dazu, brav bei jedem schnöden Kurzpass zu jubeln und bei jedem eingewechselten Stürmer ekstatisch zu jubeln. Derzeit jedenfalls noch nicht, aber vielleicht überarbeitet Oliver Bierhoff ja gerade schon die Geschäftsbedingungen.

Dabei muss man überhaupt nicht darüber streiten, dass die Pfiffe gegen Werner albern sind. Der junge Mann ist vor längerer Zeit mal etwas zu engagiert durch den Schalker Strafraum geflogen, wobei die Schwalbe handwerklich nicht einmal ordentlich gearbeitet war. Sicher, anschließend wäre ratsam gewesen, den Pfiff des Referees nicht auch noch mit gerecktem Daumen zu quittieren und hinterher ein bisschen fixer Reue zu zeigen. Aber er ist noch „so jung“ (Joachim Löw), man könnte es also irgendwann auch mal gut sein lassen, was nicht minder für die bescheuerten Gesänge gilt, Timo Werners Mutter entstamme dem horizontalen Milieu.“

Hmh, wenn man nicht mehr darüber streiten muss, dass die Pfiffe gegen Werner albern sind, warum kann diese Albernheit kein Ende finden? Es stellen sich mir daher immer wieder die gleichen Fragen: Was soll er denn noch machen? Aufhören? Vereinswechsel? Das Bundes-Jogi darauf hinweist, dass er „so jung“ ist, ist absolut gerechtfertigt. Er ist 21 Jahre alt. Wenn’s gut läuft, dann spielt er noch 12 Jahre Fußball.

„Man muss allerdings auch konstatieren, dass sowohl Timo Werner als auch die umgebenden Funktionäre bislang keine allzu glückliche Figur machen. Um es kurz zu machen: Wäre der junge Nationalspieler klug beraten gewesen, hätte er einfach mal den Mund gehalten. Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass immer mal wieder einzelne Spieler zu Sündenböcken gemacht werden. Er ist nicht der erste und nicht der letzte, dem so etwas passiert. Damit muss und kann man klar kommen. So wurde Mario Gomez ja über Jahre beharrlich ausgepfiffen. Der Stürmer nahm die Pfiffe des Publikums stets gelassen und unaufgeregt hin, jammerte nicht, kickte unverdrossen weiter und ist inzwischen wieder ein sehr wohlgelittenes Mitglied des Löw-Ensembles.“

Ihr Hinweis auf die früheren Zeiten ist richtig, macht die Sache aber dadurch nicht besser. „Sündenböcke“ oder „Reizfiguren“ wird es wohl auch in Zukunft geben. Dabei ist aber auch entscheidend, von welcher Seite so eine Rolle gefordert und gefördert wird. „Reizfiguren“ werden auch weiterhin ihre Reize neben und auf dem Platz setzen, um für Aufregung sorgen zu können. Da entwickelt sich ein dankbares Geben und Nehmen zwischen Spieler, Medien und Öffentlichkeit. Fußballspieler die gerne im Vordergrund stehen wollen, die gab es schon immer #Kahn #Cantona #Ronaldo #Effenberg #Matthäus #Basler

Haben Sie bei Timo Werner den Eindruck, dass er von den genannten Ex-Profis die Nachfolge antreten will? Das er geradezu nach Aufmerksamkeit giert? Dass er sich ständig in den Mittelpunkt drängt und hochgradig mitteilungsbedürftig ist? Ich schätze eher ein, dass er gerade das alles nicht will.

Des Weiteren hinkt der Vergleich zu Mario Gomez, auch wenn er jahrelang in der Kritik, teilweise berechtigt, teilweise unberechtigt stand. ARD-Kommentator und Ex-Profi Mehmet Scholl hat sich für seinen „Wundliegen-Spruch“ 3 Jahre später bei Gomez öffentlich entschuldigt. 3 Jahre sind in der Fußball-Welt eine verdammt lange Zeit.

Überdies ist Mario Gomez 31 Jahre alt und damit 10 Jahre älter als Timo Werner. Auch das ist in der Fußball-Welt eine verdammt lange Zeit.

Es stellt sich auch die Frage, woher Sie einschätzen wollen, dass man damit klarkommen muss und kommen kann? Abgesehen davon, ist es doch an der Zeit, mal die Regeln des Umgangs neu zu ordnen bzw. zu alten Tugenden zurück zu kehren. Was ist das denn bitte für eine Fußball-Kultur? Da braucht man sich auch nicht wundern, wenn sich immer mehr Fans vom Fußball abwenden, weil sie von solchen Aktionen einfach angewidert sind.

„Timo Werner: „Ein bisschen frech“

Werners Einlassungen zu dem Thema waren hingegen eher konfliktfördernd. „Ein bisschen frech“ seien die Pfiffe gewesen, konstatierte Werner. Das klang tatsächlich so, als weise ein Lehrer einen vorlauten Schulbuben zurecht. Auch sein Hinweis darauf, das Thema werde nur deshalb aufgebauscht, weil er bei RB Leipzig spiele, war eher unglücklich, lud diese Bemerkung die Pfiffe doch völlig unnötig noch mehr auf, nicht nur als Kritik an Werner, sondern en passant auch noch als Kritik am Brause-Franchise RB Leipzig.“

Nunja, wie oben bereits erwähnt, kam die Einsicht bei Werner reichlich spät und sein professioneller Umgang mit den Reaktionen ist noch, sagen wir mal, ausbaufähig. Der Hinweis auf RB Leipzig ist allerdings absolut richtig. RB Leipzig hat sich mit dem Aufstieg in die 1. Bundesliga zum polarisierendsten Club in Deutschland „entwickelt“. Der Hass auf RB Leipzig ist in der Gänze bald nicht mehr zu erklären. Meine Vermutung zu den Pfiffen von Nürnberg ist daher auch, weil Timo Werner die Schwalbe in einem Spiel vs. Schalke 04 „gearbeitet“ hat, wie Sie es so schön handwerklich beschrieben haben, und der 1. FC Nürnberg seit über 30 Jahren eine Fanfreundschaft mit Schalke 04 vereint. In den Farben getrennt, im Hass vereint. Manchmal ist die Fußballwelt eine kleine, wahrscheinlich beim IQ der Pfeifenden auch.

„Es sind die alten Gesetze der Aufmerksamkeitsökonomie: Je mehr öffentlichen Widerhall die Pfiffe finde, je mehr sich das Establishment aufregt, je mehr Schlagzeilen aufgeregt einen vermeintlichen Tabubruch verkünden, desto mehr werden sich die Leute beim nächsten Länderspiel wieder die Seele aus dem Leib pfeifen. Nicht, weil Werner das „Kollektiv-Feindbild der Fans“ ist, wie verkündet wurde. Sondern, weil es so verlockend ist, mit ein paar billigen Pfiffen die Fußballwelt in Aufruhr zu versetzen.“

Diese Einschätzung ist wahrlich eine originelle. Das würde also im Umkehrschluss bedeuten, dass die Nürnberger Fans im Wissen der alten Gesetze der Aufmerksamkeitsökonomie deshalb gepfiffen haben, weil sie mit ein paar billigen Pfiffen die Fußballwelt in Aufruhr versetzen wollten!? Dies wäre eine ganz und gar intellektuelle Glanzleistung. Damit spielt man dann in einer Liga mit dem ehemaligen BILD-Chefredakteur Kai Diekmann, der mit einem Tweet einen „Twitter-Shitstorm“ auslöst und sich am Ende dafür selbst lobt, wie er allen Twitteren die Mechanismen der Branche vor Augen geführt hat. Wenn es denn so wäre…

Außerdem können Sie doch nicht so naiv sein bzw. so tun, als würden Sie nicht zum Establishment gehören!? Sie sind der Chefredakteur des Magazins für Fußball-Kultur 11Freunde, geben Einschätzungen für Funk und Fernsehen ab und haben eine Kolumne bei stern.de. Auf neudeutsch heißt das ja #Influencer.

Das 11Freunde-Magazin hat sich ja bisher als kritischste Medium zum Thema Kommerzialisierung/RB Leipzig positioniert. Leider schießen Sie dabei auch eins ums andere Mal am Tor vorbei. Die Vorschläge wie gegen RB protestiert werden kann, reichten ja von Schallkanone bis zum Werfen von Bullenköpfen. Und sie machen sich ernsthaft Sorgen um die Fußball-Kultur? Wenn von Ihnen die öffentliche Demontage eines 21jährigen Fußball-Spielers nur als albern eingeschätzt wird, dann mache ich mir wirklich Sorgen um die deutsche Fußball-Kultur. Und nicht von der Sorte alà der jährlichen Uwe-Seeler-Sorgen um seinen HSV.

Daher wiederhole ich gern meine Fragen an Sie: Was kann Timo Werner tun, damit die Pfiffe gegen ihn ein Ende haben? Was muss Ihrer Ansicht nach passieren? Wo ist für Sie die Grenze des Erträglichen erreicht?

Soll es erst soweit kommen, dass wieder Abschiedsbriefe geschrieben werden? Sie erinnern sich an den für Mario Götze, von einem Focus-Online-Redakteur. Auch eine ganz feine Leistung. Soll das jetzt eine neue Tradition werden? Oder sehen Sie Schmähungen, Pfiffe und Anti-Gesänge als „Schmerzensgeld“ des horrenden und völlig überzogenen Gehalts? Und wer das nicht aushält, der solle lieber Beamtenmikado spielen?

Ich wäre wirklich dankbar, wenn Sie mir die Antworten zuspielen könnten.

Mit sportlichen Grüßen
By Nino