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„Was bisher geschah…“ Teil 7

Sieben

Mit Teil 7 unserer Kategorie „Was bisher geschah…“ schauen wir nach längerer Zeit mal wieder zurück auf bisherige Texte. Das diese mittlerweile, in aller Bescheidenheit:-), nicht mehr ein paar sind, sieht man darin, dass zwei Rückblicke mit dabei sind.
Die Hälfte der Texte beschäftigt sich allerdings mit RB Leipzig und dem damit verbundenen Dauerthema „Traditionsvereine vs. Plastikclubs“. Einem großen Traditionsverein widmete sich Baba, der einen vorausschauenden Nachruf für den Hamburger SV geschrieben hat. Mit dem ersten Abstieg in die zweite Bundesliga ist dieser dann auch brandaktuell. Viel Spaß beim Stöbern.

61. Die 22 Antworten zur EM 2016…die letzten 8

62. „Was bisher geschah…“ Teil 3

63. Gedanken zum Auftaktspiel zur 1. Fußball-Bundesliga Saison 2016/2017

64. Kommentar zur fehlenden Ignoranz für RB Leipzig

65. Danke für die Polarisierung, RB Leipzig! Teil 1

66. Danke für die Polarisierung, RB Leipzig! Teil 2

67. Traditionsvereine vs. Plastikclubs Teil 2

68. Nachruf zum Hamburger Sportverein – HSV

69. Hass auf RB Leipzig! Nicht mehr alle Dosen im Schrank? Teil 1

70. „Was bisher geschah…“ Teil 4

By Baba und Nino

 

P.s: Weitere Leseempfehlungen sind auch der Teil 1, Teil 2, Teil 5 sowie Teil 6.

Der unabsteigbare HSV – der Traum von einer Huldigung!

HamburgerSV

Es war Samstag, der 20. Mai 2017. Letzter Spieltag der 1. Fußball-Bundesliga. Der Hamburger SV gewann 2:1 gegen den VfL Wolfsburg und sicherte sich den Verbleib in der Beletage des deutschen Fußballs.

In der Nacht zum Sonntag hatte ich einen Traum. Ich begegnete dort dem eingefleischten HSV-Fan Sören. Wir unterhielten uns lange über dieses letzte Spiel der Saison 2016/2017. Ich sprach ihn auf die jubelnden Spieler an. Sie feierten als hätten sie die Meisterschaft gewonnen. Dabei war es doch nur der Klassenerhalt. Daher wäre doch ein bisschen mehr Demut angemessener. Er sah mich erstaunt an und sagte: Wir sind der HSV! Wir sind unabsteigbar! Niemals 2. Liga! Dieser kurzen wie präzisen Antwort folgte ein weiteres, längeres Gespräch über den HSV im Gesamten. Dem Dino der Bundesliga.

Hier das Gedächtnisprotokoll dazu; denn wie es nach dem Aufwachen nach Träumen so ist. Man weiß nur noch den groben Rahmen der Geschichte, an die Details kann man sich nicht mehr in Gänze erinnern. Aber sei’s drum. Es ist der Traum von einer Huldigung an den unabsteigbaren Hamburger SV.

Nach dem VfL-Spiel kamen wir zur Saison und schauten zurück. Ich sagte zu Sören: Der HSV hat mit einem Torverhältnis von minus 28 Toren das zweitschlechteste und mit 33 Toren die zweitwenigsten Tore geschossen. Da hat der BVB’ler Aubameyang mit 31 Toren nur zwei weniger geschossen. Sören antwortete drauf: „Junge, das sind doch nur nette Statistiken. Oberste Priorität ist, dass wir effizient spielen. Mit dem geringstmöglichen Aufwand das Maximale herausholen. Am Ende zählen die Punkte. Nicht in Flensburg, sondern auf dem Tabellen-Konto. Und dabei haben wir mehr als vier andere Mannschaften gesammelt.“

Ok, Sören, teilweise hast du ja Recht, erwiderte ich. Statistiken sind im Enddefekt nur Zahlen und im Ergebnis ist es wichtig, dass man in einer besser ist als der Gegner. Nämlich bei den Toren. Das mein Versuch mit Expertenwissen zu glänzen.

Nun versuchte ich es mit einer provokanten Frage: Solche Niederlagen, wie das 8:0 gegen den FC Bayern München, sind die nicht ernsthaft zweitligareif? „Haaa“, rief Sören. „Die Spiele gegen den FC Bayern versuchen wir immer als Highlight-Spiele einzuplanen. Die Jungs von der PR-Agentur Jung von Matt haben gesagt: Da muss was besonders passieren, das gibt‘s die meiste Promotion, Clicks, Videos, Memes, alles was das Werber-Herz begehrt! Die Legende vom Nord-Süd-Schlager. So wie früher. Und dann das: Ein 8:0! Besser ging es fast gar nicht. Das ist doch was Besonders. Und du siehst, das können wir uns auch noch leisten. Torverhältnis hin oder her. Denn: Wir sind der HSV! Wir sind unabsteigbar! Niemals 2.Liga!

Ich merkte so langsam, der Sören, der ist wirklich ein Fan. Im wahrsten Sinne dieses Wortes: Fanatisch. Er weiß wie man die richtigen Worte findet. Mein Einwurf, dass der HSV seit Jahren am Geldtropf von Milliardär Klaus-Michael Kühne hängt, konterte er gelassen mit: „Ach komm schon, was weißt du denn schon. Der Klaus-Michael, das ist und bleibt unser größter Fan. Er wird uns immer das nötige Kleingeld zukommen lassen. Sein, ähm der HSV ist seine Herzensangelegenheit. Wenn die Schreiberlinge schreiben, dass das Geld nicht überwiesen werden sollte, dann wissen wir längst, dass das nur ein Ablenkungsmanöver ist. Es reicht schon, wenn eine Zeitung über dieses Gerücht berichtet. Die anderen springen auf den HSV-Zug auf und schon haben wir wieder Medienpräsenz. Dieser Automatismus, davon haben uns die Jungs von Matt abends an der Theke bei einem Astra erzählt, klappt immer. Immer. Und wie du sicherlich schon gelesen hast, hat der Klaus-Michael kurz vor der Abgabe der Lizenzierungsunterlagen noch ein paar mehr Anteile am HSV gekauft. Er hat es also wieder gemacht. Und ich versichere dir: es wird es wieder tun. Diese Geldquelle wird niemals versiegen. Nie! Denn du weißt und da wiederhole ich mich gerne: Wir sind der HSV! Wir sind unabsteigbar! Niemals 2. Liga!“

Langsam wurde ich stutzig. Ist der HSV vielleicht wirklich der Verein, an den man sein Herz verlieren sollte?

Ich versuchte es mit dem Blick in die Vergangenheit. Ein Blick auf die schiefgelaufenen Tatsachen: Ich zählte die Liste mit Sportdirektoren und Trainern auf, die allein in den letzten Jahren bereits beim HSV gearbeitet haben (16 in den letzten 10 Jahren). Das in der sportlichen Führung keine Kontinuität herrscht. Selbst darauf hatte Sören die passende Antwort: „Wer uns vorwirft, wir würden viele Trainer einstellen und nach kurzer Zeit wieder rausschmeißende, sagen wir: Wir sind eine Jobmaschine. Wir zahlen die besten Abfindungen. Viele Trainer können hier Erfahrungen sammeln. Wie man in einer Medienstadt wie der schönsten Stadt der Welt zurechtkommt. Wie man mit hohen Erwartungen umgeht. Für all das steht doch der HSV! Wenn dem nicht so wäre, warum will dann immer wieder einer HSV-Trainer werden. Frag mal bei Felix Magath nach. Abgesehen davon, ist der HSV für jeden Trainer eine lehrreiche Erfahrung. Und nenne mir bitte einen Verein, der das auch so in einer grundanständigen Bescheidenheit wie Beständigkeit hinbekommt?“

Ich überlegte lange und verwarf den Gedanken an eine Antwort. Dann eben das Argument mit den Spielern! Ich sagte zu Sören: Schau doch mal, wie viele Weltklasse Spieler ihr beim HSV schon hattet: Boateng, van Buyten, de Jong, Westermann, van der Vaart, Beiersdorfer und so weiter und so fort. Sörens prompte Antwort: „Ja, das stimmt ja auch alles und ist in seiner Richtigkeit nicht zu überbieten. Aber was zählt ist doch, dass sie mal Teil der HSV-Familie waren. Wir schauen gern zurück und erinnern uns. Das ist doch eine tolle Mannschaft. Ok, die spielen zwar jetzt nicht zusammen, aber allein die Vorstellung, da kriege ich schon ein feuchtes Höschen.“

Oki doki, dachte ich mir. Bevor das noch weiter feucht wird, lieber den Schwenk auf ein anderes, jedoch ähnliches Thema schaffen. Ich verwies auf die alljährlichen Aktivitäten auf dem Transfermarkt. Nach dem Motto: Mit mehr Geld und weniger Verstand. Die gekauften oder geliehenen Spieler passten immer in das gleiche Schema: Bei ihren Vorgänger-Clubs waren sie die Eckpfeiler des Erfolgs. Jetzt, nach ein paar Spielen mit der Raute in der Brust, da spielen sie meist nur wie der Schatten ihrer Selbst.

Auch diesmal schaute mich Sören verwundert an und fragte: „Hast du mir gerade nicht zugehört? Es geht doch darum, wer alles bei uns schon mal gespielt hat. Außerdem verdienen die Spieler hier richtig viel Geld. Damit können mehrere Familien ernährt werden. Jahrelang. Frag mal bei den Lasogga’s nach! Außerdem und wie schon erwähnt: Wir schwelgen gern in Erinnerungen! Und wenn die Spieler ein Formtief haben, dann kaufen wir eben in der Winterpause noch mehr Spieler ein. Oder wechseln den Trainer. Oder den Sportdirektor. Oder den Vorstandsvorsitzenden. Und warum das alles, wirst du dich sicherlich fragen? Weil wir es können! Zugegeben, manchmal ist das vielleicht anstrengend. Aber der Klaus-Michael, der hat uns nie im Stich gelassen. Und wenn du mich schon so provokant fragst, dann frage ich mal zurück: Warum haben die anderen Vereine keinen so großen Fan wie den Klaus-Michael? Jeder Verein sollte einen Klaus-Michael haben!“

Ich zog meine Augenbraue hoch und stellte fest: Eine wirklich provokante Frage. Ich fühlte mich herausgefordert und wollte weiter den argumentativen Zweikampf suchen. Ich raufte mich zusammen und erzählte Sören davon, dass für mich der Fußball-Gott gestorben ist, als der HSV gegen den Karlsruher SC in der Relegation gewonnen hat. Ich fand das alles schrecklich unfair. Sören schaute mich gutgläubig an und sagte: „Ach weißt du: Glaub nicht an den Fußball-Gott. Glaube zuerst an dich! Dann an deine Mitmenschen. Dann ist an alle gedacht.“

Ich verzog schon wieder meine Augenbraue und vermutete mich in einem Esoterik-Seminar für FDP-Politiker. Nun gut, dann eine weitere Provokation meinerseits. Ich erzählte ihm, dass schon Nachrufe über den HSV geschrieben wurden. Sören, die scheinbare Lässigkeit in Person zog an seiner Rothose und konterte: „Ohha, ein Nachruf. Totgesagte leben länger. Hat auch schon die Stern-Stimme Köster geschrieben. Da stehen wir drüber. Wir sind der HSV! Wir sind unabsteigbar! Niemals 2. Liga!“

Er war einfach nicht davon abzukriegen, positive Energie zu verschenken. Der Sören war ein Fan, so wie er wohl im Lehrbuch steht. Bedingungslose Liebe und Hingabe. In guten wie in schlechten Zeiten.

Schlechte Zeiten. Die letzte Vorlage für letzte Fragen: Was ist, wenn der HSV wirklich mal aus der 1. Liga absteigt? Wenn die Relegationsspiele nicht über die Auswärtstor-Regel oder diskussionswürde Schiedsrichterentscheidungen in der Nachspielzeit geholfen haben? Wenn der HSV nicht mal mehr das Glück auf seiner Seite hat?

Sören holte tief Luft. Wirklich ganz tief Luft. Ich hatte dabei das Gefühl, dass er diesen Gedanken ein wenig kreisen lassen wollte. Aber nichts dergleichen. Nur Sekunden später sprudelte es aus ihm heraus. Jeder Satz so geschmeidig wie ein junger Leopard:

„Hamburg ist die schönste Stadt der Welt! Der HSV hat die besten Fans der Welt! Stadion? Jedes Mal ausverkauft! Ausverkauft! Absteigen? Wir schaffen das nicht! Euer Hass ist unser Stolz! Wir brauchen die 1. Liga nicht! Die erste Liga braucht den HSV!“

Ich versuchte Sören zu beruhigen, aber er ließ nicht locker. „Wir sind der HSV! Wir sind unabsteigbar! Niemals 2. Liga! Ende! Aus! Kapier es endlich!“

Ich sagte: Sag niemals nie! Und wachte auf.

By Nino

Nachruf zum Hamburger Sportverein – HSV

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Ja er ist von uns gegangen. Der große und mächtige HSV ist nicht mehr unter uns.

Sehr geehrte Damen und Herren wir haben uns hier und heute zusammengefunden, um den HSV endgültig zu Grabe zu tragen. Legenden sterben nie, doch diese Legende ist schon lange alt, krank und entschlafen.

Der HSV wurde am 29. September 1887 als SC Germania geboren und als Hamburger SV am 2. Juni 1919 vor 97 Jahren aus der Taufe gehoben.

Gestorben ist der Verein irgendwann in den letzten paar Jahren. Aufgrund gewisser Umstände ist es uns nicht möglich ein eindeutiges Todesdatum zu benennen, da der Komapatient schon zu lange nicht mehr in der Lage war, irgendwelchen Einfluss auf das tägliche Fußballgeschäft zu nehmen.

Es war ein schleichender Prozess, der die sogenannten Rothosen aus dem Leben drang. Künstlich am Leben erhalten durch zahlreiche Interventionen des Totengräbers Kühne und sportlich zweimal am Rande der Bundesliga Existenz vorbeigeschrammt, bleibt uns das Geschaffene des HSV, der uns vor ewigen Zeiten auch begeisterte. Dabei reden wir hier nicht vom kurzen Aufblühen in der Europa-League oder an den Stoffdino oder Lotto King Carl, NEIN das kam alles als es schon viel zu spät war.

Wir erinnern uns gerne an die Jahre 1973 bis Mitte der 80er Jahre, mit der Krönung des Gewinns des Pokals der Landesmeister, dem Vorläufer der Championsleague 1983. Diese Zeit bleibt unvergessen und wir sprechen mit Ehrfurcht von diesen Jahren als wirklich jeder Fußballfan in Europa den HSV kannte und respektvoll schätzte.

Doch diese Leistungen, Erfolge und schönen Zeiten sind lange her und es hatte immer mehr den Anschein, dass der HSV in den letzten 30 Jahren von den Erfolgen zehrte und sich dennoch als internationales Schwergewicht sah, obwohl es ihm nicht gelang diese Erfolge auch nur annährend zu wiederholen.

Ein Trainer folgte auf den nächsten und vor allem das Management und der Führungszirkel entpuppten sich als größtes Hindernis, dem Sterbenden Heilung und Revitalisierung zukommen zu lassen. Doch der Patient HSV war längst abhängig von Menschen deren eigener Vorteil längst über das des Patienten und dessen Anhänger ging und damit war der schleichende Tod besiegelt.

Nach Außen wurde zwar oft versucht mit spontanen Interventionen dem Patienten HSV Leben einzuhauchen, doch das Umfeld und die Führung ließen keinen Zweifel daran aufkommen, dass niemandem wirklich an der Gesundung des Patienten gelegen war. So wurden im Umfeld Spaßfußballer wie van der Vaart mit ehrlich arbeitenden Hausfrauen als Heilsbringer gefeiert, nur um diese dann auch wieder abzuschieben. Aber all dies waren nur Symptome der Krankheiten, an der der HSV letztlich zu Grunde ging. Die Krankheiten hießen Geltungssucht, Größenwahn, gepaart mit zu viel finanziellen Mitteln und fußballerischer Unkenntnis. Diese Hybris ließ ein Führungsumfeld entstehen, welches nicht nur gegeneinander und für die Bildzeitung arbeitete, sondern in erster Linie schadhaft für den Patienten HSV war.

So kam es wie es kommen musste und der HSV siechte dahin. Wir können zwar noch seine sterblichen Überreste sehen – manchmal – aber auch das grenzt eher an Leichenfledderei.

Also bitte meine Damen und Herren erheben sie sich für das letzte Bundesliga Geleit für den HSV. Verabschieden sie das Gründungsmitglied der Bundesliga ehrenvoll, solange es noch möglich ist.

HSV wir danken dir für U. Seeler, Tradition, Erfolge von vorgestern und als schlechtes Beispiel für Missmanagement, Eitelkeit und Intriganz.

Wir trauern mit den HSV-Fans und hoffen, dass diese in der Lage sein werden die Verantwortlichen für den Tod des HSV abzustrafen und eine neue Liebe zu finden.

Mein Herzliches Beileid,

Möge der HSV Frieden finden und seine Anhänger Trost.

Ihr Pfr. Baba