Schlagwort-Archive: Kühne

Die Wiederauferstehung des Fußballgotts

WiederauferstehungHSV

Endlich ist es soweit: der Hamburger Sportverein ist aus der 1. Bundesliga abgestiegen. Nach 54 Jahren ist es endlich soweit. Das Ende des Dinos der 1. Fußball-Bundesliga. Das Ende von „Niemals 2. Liga“. Das Ende von „Unabsteigbar“. Das Ende der Erzählungen, dass der HSV in die erste deutsche Spielklasse gehört, weil Hamburg die zweitgrößte Stadt in Deutschland sowie die achtgrößte in der EU ist. All das hat ein Ende. Auch deswegen, weil der HSV eben keine Wurst ist.

Allein solche Argumente hatten noch nie wirklich eine durchschlagende Kraft. Jetzt können sie endlich ad acta gelegt werden. Auch solche wie der „tollen Fans“ und „des schönen Stadions“ ziehen nicht mehr, da sie immer schon den Eindruck erweckten, dass der HSV der einzige Verein gewesen wäre, der das für sich behaupten kann. Mit all diesen Argumenten und halbseidenen Beschwörungen ist nun für ein und allemal Schluss. Fin! Fine! Fino!

Dieses Ende ist mich für gleichzeitig auch die Wiederauferstehung des Fußballgotts. Jener war für mich in der 2015er Relegation gegen den Karlsruher SC gestorben , als sich die Hamburger mit mehr Glück als Verstand gegen die Badener durchgesetzt hatten.

Nun glaube ich wieder daran, dass es sowas wie Gerechtigkeit im Fußball gibt, eine ausgleichende Instanz, die dafür sorgt das die kleinen Sünden direkt und die großen vielleicht etwas später, aber dennoch nicht ungestraft bleiben.

Der Hamburger SV hat in den letzten Jahrzehnten viele Sünden begangen. Misswirtschaft und Arroganz der Vereinsoberen sowie gnadenlose Selbstüberschätzung gepaart mit fehlender Demut, um nur ein paar Beispiele des Hamburger Sündenpfuhls zu nennen.

Die Jahre seit 2014 waren da sozusagen der krönende Abschluss, der darin gipfelte, dass der HSV nun seinen ersten Abstieg nach 55-jähriger Zugehörigkeit in der 1. Bundesliga selbst besiegelt hat. Allein dafür gilt es dem HSV Respekt zu zollen. Kein anderer Verein hat dies so lange geschafft. In der ewigen Bundesligatabelle sind sie deshalb zu Recht auf Platz 3.

Die Saison 2017/2018 steht noch einmal mustergültig für den Untergang des HSV. In der Kurzversion heißt das: Start mit zwei Siegen. Dem eigenen Selbstverständnis folgend auf dem Weg zurück auf die Bühnen der europäischen Spitzenklasse. Weitere Siege folgten aber nicht. Der Unruhe-Stifter und #Edelfan Klaus-Michael Kühne brachte sich wieder mal öffentlich in Stellung und kritisierte Verein und Spieler #Luschen. Es folgte die erste Trainerentlassung von Markus Gisdol. Auf ihn folgte Bernd Hollerbach #Stallgeruch, der für sieben (!) Spieltage auf der Trainerbank, besser gesagt dem Schleudersitz Platz nehmen durfte. Auf einer emotional überhitzten Mitgliederversammlung konnte Ex-Präsident Bernd Hoffmann sein Comeback feiern. Eine seiner ersten Amtshandlungen war die Freistellung/Beurlaubung (beim HSV weiß man das nie so genau) vom Vorstandsvorsitzenden Heribert Bruchhagen und Sportdirektor Jens Todt. Danach wurde mit Christian Titz der dritte Trainer in der Saison installiert. Der schaffte es zwar überraschenderweise, dass die Mannschaft halbwegs ordentlich Fußball spielte und sogar Siege feiern konnte. Doch dieses letzte Aufbäumen war im Enddefekt zu spät.

Die Rechnung für alle Sünden kommt dann eben doch irgendwann. Kurzum: Wieder einmal wurden die gleichen Muster durchexerziert, um die gleichen Probleme zu lösen. Aus Fehlern nix gelernt. Aber wirklich auch rein gar nichts.

All jene Skandale und Klatsch&Tratsch wurden überaus freundlich von den landesweiten Boulevard- sowie ortsansässigen Haus- und Hofmedien fast täglich begleitet. Nix war zu billig, um mit dem HSV Quote und Klicks zu machen.

Und der Blick in die Zukunft? An der Spitze des Vereins steht wieder eben jener Bernd Hoffmann, der zwar für die erfolgreicheren Jahre des HSV steht, sein Ego aber immer noch größer als der HSV ist. Und das ist langfristig nie gut ausgegangen. Der Gönner und Stänker Kühne soll weiterhin mit an Bord bleiben und seine Millionen in den HSV stecken. Zukünftige Unabhängigkeit von ihm? Adè! Von Altersmilde keine Spur. Exemplarisch wieder seiner öffentlichen Einlassungen vor dem 33. Spieltag: „Rein wirtschaftlich betrachtet, ist der HSV die schlechteste Investitionsentscheidung meines Lebens“ … Es wurde nicht das richtige Management verpflichtet. Insgesamt ist es eine Schande. Furchtbar für Hamburg.“ Kommt denn da in Hamburg eigentlich gar niemand mal auf die Idee, darauf hinzuweisen, dass dies vereinsschädigendes Verhalten ist?

Abgesehen davon wird der Gang in die zweite Bundesliga richtig bitter. Der Slogan, der schon zu DSF-Zeiten genervt hat, „die beste zweite Liga aller Zeiten“ wird wohl in der nächsten Saison wirklich passend sein. Diese Saison hat jedenfalls schon gezeigt, wie eng es zugehen kann und wie nötig dafür ein ruhiges Vereins-Umfeld notwendig ist. Aus der 3. Liga kommen der SC Paderborn und der 1. FC Magdeburg. Beide Vereine werden von der Aufstiegseuphorie durch die nächste Saison getragen (erst die zweite Saison wird die schwierigere) und können ordentlich Paroli bieten. Ein sofortiger Wiederaufstieg des HSV ist daher keineswegs sicher. Jeder Zweitligist wird die Rothosen gerne begrüßen. Auf seiner Kennenlern-Tour durch die Stadien der zweiten Liga. Das mediale Interesse wird sicherlich riesig sein, denn der HSV wird sehr oft, das erste Mal zu Gast sein.

Wahrscheinlich wird es keine rosige Zukunft. So lange Kühne mitmischt und die Erwartungshaltung der Medien und der Fans nicht auf ein gesundes Maß gestampft wird. Ohne Demut wird der HSV seinen Niedergang weiter vorantreiben. Die großen Sünden, wie man so hört, werden noch länger bestraft.

Markus Gisdol hatte bei seiner Vorstellung gesagt: „Ich habe schon gezuckt, aber vor Freude. Hamburg ist ein Brett, es ist ein wahnsinnig geiler Club“. Das mag aus HSV-Sicht auch stimmen, aber jetzt ist der HSV ein Fußball-Zweitligist. Willkommen in der Realität.

By Nino

 

 

HSV: der 20-Stunden-Tabellenführer – ein Traum

Hamburg

Es war die Nacht vom Freitag auf den Samstag, 2. Spieltag der 1. Fußball-Bundesliga, Saison 2017/2018. Der HSV hatte ein paar Stunden zuvor mit 3:1 auswärts gegen den 1. FC Köln gewonnen und wurde damit erstmals seit 2009 wieder Tabellenführer. Für jeden HSV-Fan ein historisches Ereignis, für jeden anderen Anlass perplex auf die Tabelle zu schauen. Letzte Saison der Relegation noch haarscharf entgangen, jetzt Tabellenführer. Solche Geschichten schreibt nur der Fußball.

In dieser Nacht der HSV-Tabellenführung hatte ich wieder ein Traum, wie damals nach dem letzten Spieltag der 2016/2017er Saison. Der 2:1 Sieg gegen den VfL Wolfsburg.

Ich begegnete wieder Sören, dem eingefleischten HSV-Fan, diesmal in einem Park. Wieder sprachen wir sehr lange über den HSV, die Vorbereitung auf die neue Saison, die Tabellenführung und die Zukunft des HSV. Wieder ist es ein Gedächtnisprotokoll, an alle Einzelheiten kann ich mich also nicht mehr erinnern, zum Wichtigsten komme ich aber im Folgenden.

Sören war bestens gelaunt. „Na, wie geht’s da unten? Wir grüßen von der Tabellenspitze“ sagte er im spitzbübischen Ton. Ohne die Möglichkeit auf Antwort sprach er direkt von der Energie-Leistung der Mannschaft gegen die Kölner. Jeder Spieler habe sich in jeden Ball und Bein geworfen. K. Papadopoulos sogar bis zum Umfallen. „Am Ende haben wir gar zu zehnt gewonnen! Und Köln, die spielen bald in der Europa-League? Ohje ohje, wenn die mal die Gruppenphase überstehen. Wir haben’s denen jedenfalls ordentlich gezeigt.“

Da konnte ich Sören nur Recht geben. Nach dem Auftaktsieg vs. Augsburg stehen nun 2 Siege mit 6 Punkten zu Buche. Der HSV kann es eben…überraschen auf allen Ebenen.

Sollte ich seine gute Laune auf die Probe stellen und ihn auf die Saison-Vorbereitung ansprechen? Nach kurzer Bedenkzeit entschied ich mich dann doch dafür und warf das Thema „Interviews von HSV-Investor Klaus-Michael Kühne“ in den Debatten-Ring. Der hatte im Spiegel-Interview gesagt: „Der HSV ist ein Phänomen, weil die Luschen immer hier hängen bleiben. Ein gutes Beispiel ist Lasogga, ich weiß gar nicht, ob ich an ihm beteiligt war: Musste der nach einer halben guten Saison mit einem Fünfjahresvertrag und einem Jahresgehalt von über drei Millionen Euro ausgestattet werden? Das war Harakiri, der Flop des Jahrhunderts.“ Uiuiuiui, ganz schöne Tiefschläge, so kurz vor dem Saison-Auftakt und vor allem nach dem blamablen Pokal-Aus gegen den Drittligisten VfL Osnabrück.

Sören schaute mich erstaunt an und sagte: „Hast du denn schon wieder alles vergessen, was ich dir bei unserer ersten traumhaften Begegnung gesagt habe!? Unser Klaus-Michael gibt vor der Saison wieder ein paar Interviews, bei denen er den ein oder anderen schmissigen Spruch raushaut, um den Fokus der Medien wieder wochenlang auf uns zu richten. Das ist alles Teil eines großangelegten Saison-Planes. Und in diesem Fall hat es doch wieder bestens funktioniert! Alle Medien haben das Interview gierig aufgegriffen und Schlagzeile um Schlagzeile um Schlagzeile produziert. Das verlorene Pokalspiel war da nur der geringfügige Beitrag der Mannschaft. Zumal wir uns eh auf die Bundesliga konzentrieren. Die Jungs von Matt sind stolz auf uns, das kann ich dir aber schwören!“

Ich glaubte nicht, was meine Ohren zu hören bekamen. Dermaßen verdutzt fiel mir nur die Frage ein, ob es nicht besser gewesen wäre, solche Themen lieber HSV-intern und nicht in aller Öffentlichkeit auszutragen und die Mannschaft eine störungsfreie Vorbereitung zu verschaffen. Dazu sagte Sören, gewohnt ruhig und sachlich: „Was habe ich dir gerade gesagt? Großangelegter Saison-Plan, so wie’n Matchplan, nur eben für eine gesamte Saison. Wir, beim stolzen Dino der Bundesliga, denken doch strategisch in die Zukunft. Jedenfalls und nochmal für dich im Besonderen: Das war auch alles geplant, auf Initiative vom Klaus-Michael. So hat er die Reihen geschlossen. Du hast doch sicherlich in allen Sportmedien davon lesen können, was Sportchef J. Todt gesagt hat oder etwa nicht? Er betonte „uneingeschränkt hinter jedem einzelnen Spieler unseres Kaders“ zu stehen. Dieser angebliche Rundumschlag hat doch genau dazu geführt, was sich Klaus-Michael damals dabei gedacht hat. Die Mannschaft sollte sich wieder als Mannschaft begreifen, ein Team sein. Alle für einen. Einer für Alle. Unser Klaus-Michael, der oberste Chef des HSV, ähm der größte HSV-Fan hat da lediglich die Drecksarbeit gemacht und sich dem Sturm der Empörung entgegengestellt. Aber glaub mir, der Klaus-Michael macht das gerne für seinen HSV. Wir sind ihm daher zur Dankbarkeit verpflichtet.“ #UnsKlaus-Michael

Wieder war ich erstaunt über die Interpretationsfähigkeit von Sören. Er sieht eben immer das positive, lässt sich von solchen Störfeuern nicht beeindrucken und versteht das alles als Teil eines großen Planes. Hut ab und Rothose an.

Nunja, so ganz unkommentiert wollte ich das nicht stehen lassen, vor allem das der HSV hinter allen Spielern steht. Zumal es ja Transferticker-Meldungen gab, aus denen deutlich wurde, dass Großverdiener wie L. Holtby, A. Hunt und P.M. Lassoga noch abgegeben werden sollen. Aber ich ging kurz inne und hielt mich mit diesen halbgaren Informationen zurück. Man muss ja auch gönnen lassen, denn Sören kann ja bekanntlich nix aus der Ruhe bringen, ein Quell an positiver Energie und guter Laune.

Wir kamen dann noch auf die Zukunft zu sprechen. Wie soll es denn nun weitergehen?
6 Punkte nach 2 Spielen. Vor der Saison hieß es von Seiten des „Vorstandsvorsitzenden“ H. Bruchhagen, dass man sich eher in der unteren Tabellenregion sehe. Trainer M. Gisdol sprach ähnlich: „wahrscheinlich wartet die stärkste Liga auf uns, die es jemals in Deutschland gab.“

Sören, ganz hanseatisch liebenswürdig, verwies abermals auf den Saison-Plan. Der HSV werde wieder Gesprächsthema sein, so oder so. Da stehen ja die Spiele gegen den FC Bayern München an. Oder die Nordderbys gegen den VfL Wolfsburg, SV Werder Bremen und Hannover 96. Alles sportliche Anlässe. Für den Rest sorgt schon Klaus-Michael. Mit diesen Worten in den Ohren fragte ich mich, ob ich nicht noch öfters vom HSV träumen sollte. Nach den bisherigen Erfahrungen waren immer erstaunliche Entwicklungen der Anlass für solche Träumereien.

Der Gedanke, ob ich mich darüber eher freuen oder eher doch fürchten sollte, führte dazu, dass ich wieder aufwachte.

By Nino

 

Der unabsteigbare HSV – der Traum von einer Huldigung!

HamburgerSV

Es war Samstag, der 20. Mai 2017. Letzter Spieltag der 1. Fußball-Bundesliga. Der Hamburger SV gewann 2:1 gegen den VfL Wolfsburg und sicherte sich den Verbleib in der Beletage des deutschen Fußballs.

In der Nacht zum Sonntag hatte ich einen Traum. Ich begegnete dort dem eingefleischten HSV-Fan Sören. Wir unterhielten uns lange über dieses letzte Spiel der Saison 2016/2017. Ich sprach ihn auf die jubelnden Spieler an. Sie feierten als hätten sie die Meisterschaft gewonnen. Dabei war es doch nur der Klassenerhalt. Daher wäre doch ein bisschen mehr Demut angemessener. Er sah mich erstaunt an und sagte: Wir sind der HSV! Wir sind unabsteigbar! Niemals 2. Liga! Dieser kurzen wie präzisen Antwort folgte ein weiteres, längeres Gespräch über den HSV im Gesamten. Dem Dino der Bundesliga.

Hier das Gedächtnisprotokoll dazu; denn wie es nach dem Aufwachen nach Träumen so ist. Man weiß nur noch den groben Rahmen der Geschichte, an die Details kann man sich nicht mehr in Gänze erinnern. Aber sei’s drum. Es ist der Traum von einer Huldigung an den unabsteigbaren Hamburger SV.

Nach dem VfL-Spiel kamen wir zur Saison und schauten zurück. Ich sagte zu Sören: Der HSV hat mit einem Torverhältnis von minus 28 Toren das zweitschlechteste und mit 33 Toren die zweitwenigsten Tore geschossen. Da hat der BVB’ler Aubameyang mit 31 Toren nur zwei weniger geschossen. Sören antwortete drauf: „Junge, das sind doch nur nette Statistiken. Oberste Priorität ist, dass wir effizient spielen. Mit dem geringstmöglichen Aufwand das Maximale herausholen. Am Ende zählen die Punkte. Nicht in Flensburg, sondern auf dem Tabellen-Konto. Und dabei haben wir mehr als vier andere Mannschaften gesammelt.“

Ok, Sören, teilweise hast du ja Recht, erwiderte ich. Statistiken sind im Enddefekt nur Zahlen und im Ergebnis ist es wichtig, dass man in einer besser ist als der Gegner. Nämlich bei den Toren. Das mein Versuch mit Expertenwissen zu glänzen.

Nun versuchte ich es mit einer provokanten Frage: Solche Niederlagen, wie das 8:0 gegen den FC Bayern München, sind die nicht ernsthaft zweitligareif? „Haaa“, rief Sören. „Die Spiele gegen den FC Bayern versuchen wir immer als Highlight-Spiele einzuplanen. Die Jungs von der PR-Agentur Jung von Matt haben gesagt: Da muss was besonders passieren, das gibt‘s die meiste Promotion, Clicks, Videos, Memes, alles was das Werber-Herz begehrt! Die Legende vom Nord-Süd-Schlager. So wie früher. Und dann das: Ein 8:0! Besser ging es fast gar nicht. Das ist doch was Besonders. Und du siehst, das können wir uns auch noch leisten. Torverhältnis hin oder her. Denn: Wir sind der HSV! Wir sind unabsteigbar! Niemals 2.Liga!

Ich merkte so langsam, der Sören, der ist wirklich ein Fan. Im wahrsten Sinne dieses Wortes: Fanatisch. Er weiß wie man die richtigen Worte findet. Mein Einwurf, dass der HSV seit Jahren am Geldtropf von Milliardär Klaus-Michael Kühne hängt, konterte er gelassen mit: „Ach komm schon, was weißt du denn schon. Der Klaus-Michael, das ist und bleibt unser größter Fan. Er wird uns immer das nötige Kleingeld zukommen lassen. Sein, ähm der HSV ist seine Herzensangelegenheit. Wenn die Schreiberlinge schreiben, dass das Geld nicht überwiesen werden sollte, dann wissen wir längst, dass das nur ein Ablenkungsmanöver ist. Es reicht schon, wenn eine Zeitung über dieses Gerücht berichtet. Die anderen springen auf den HSV-Zug auf und schon haben wir wieder Medienpräsenz. Dieser Automatismus, davon haben uns die Jungs von Matt abends an der Theke bei einem Astra erzählt, klappt immer. Immer. Und wie du sicherlich schon gelesen hast, hat der Klaus-Michael kurz vor der Abgabe der Lizenzierungsunterlagen noch ein paar mehr Anteile am HSV gekauft. Er hat es also wieder gemacht. Und ich versichere dir: es wird es wieder tun. Diese Geldquelle wird niemals versiegen. Nie! Denn du weißt und da wiederhole ich mich gerne: Wir sind der HSV! Wir sind unabsteigbar! Niemals 2. Liga!“

Langsam wurde ich stutzig. Ist der HSV vielleicht wirklich der Verein, an den man sein Herz verlieren sollte?

Ich versuchte es mit dem Blick in die Vergangenheit. Ein Blick auf die schiefgelaufenen Tatsachen: Ich zählte die Liste mit Sportdirektoren und Trainern auf, die allein in den letzten Jahren bereits beim HSV gearbeitet haben (16 in den letzten 10 Jahren). Das in der sportlichen Führung keine Kontinuität herrscht. Selbst darauf hatte Sören die passende Antwort: „Wer uns vorwirft, wir würden viele Trainer einstellen und nach kurzer Zeit wieder rausschmeißende, sagen wir: Wir sind eine Jobmaschine. Wir zahlen die besten Abfindungen. Viele Trainer können hier Erfahrungen sammeln. Wie man in einer Medienstadt wie der schönsten Stadt der Welt zurechtkommt. Wie man mit hohen Erwartungen umgeht. Für all das steht doch der HSV! Wenn dem nicht so wäre, warum will dann immer wieder einer HSV-Trainer werden. Frag mal bei Felix Magath nach. Abgesehen davon, ist der HSV für jeden Trainer eine lehrreiche Erfahrung. Und nenne mir bitte einen Verein, der das auch so in einer grundanständigen Bescheidenheit wie Beständigkeit hinbekommt?“

Ich überlegte lange und verwarf den Gedanken an eine Antwort. Dann eben das Argument mit den Spielern! Ich sagte zu Sören: Schau doch mal, wie viele Weltklasse Spieler ihr beim HSV schon hattet: Boateng, van Buyten, de Jong, Westermann, van der Vaart, Beiersdorfer und so weiter und so fort. Sörens prompte Antwort: „Ja, das stimmt ja auch alles und ist in seiner Richtigkeit nicht zu überbieten. Aber was zählt ist doch, dass sie mal Teil der HSV-Familie waren. Wir schauen gern zurück und erinnern uns. Das ist doch eine tolle Mannschaft. Ok, die spielen zwar jetzt nicht zusammen, aber allein die Vorstellung, da kriege ich schon ein feuchtes Höschen.“

Oki doki, dachte ich mir. Bevor das noch weiter feucht wird, lieber den Schwenk auf ein anderes, jedoch ähnliches Thema schaffen. Ich verwies auf die alljährlichen Aktivitäten auf dem Transfermarkt. Nach dem Motto: Mit mehr Geld und weniger Verstand. Die gekauften oder geliehenen Spieler passten immer in das gleiche Schema: Bei ihren Vorgänger-Clubs waren sie die Eckpfeiler des Erfolgs. Jetzt, nach ein paar Spielen mit der Raute in der Brust, da spielen sie meist nur wie der Schatten ihrer Selbst.

Auch diesmal schaute mich Sören verwundert an und fragte: „Hast du mir gerade nicht zugehört? Es geht doch darum, wer alles bei uns schon mal gespielt hat. Außerdem verdienen die Spieler hier richtig viel Geld. Damit können mehrere Familien ernährt werden. Jahrelang. Frag mal bei den Lasogga’s nach! Außerdem und wie schon erwähnt: Wir schwelgen gern in Erinnerungen! Und wenn die Spieler ein Formtief haben, dann kaufen wir eben in der Winterpause noch mehr Spieler ein. Oder wechseln den Trainer. Oder den Sportdirektor. Oder den Vorstandsvorsitzenden. Und warum das alles, wirst du dich sicherlich fragen? Weil wir es können! Zugegeben, manchmal ist das vielleicht anstrengend. Aber der Klaus-Michael, der hat uns nie im Stich gelassen. Und wenn du mich schon so provokant fragst, dann frage ich mal zurück: Warum haben die anderen Vereine keinen so großen Fan wie den Klaus-Michael? Jeder Verein sollte einen Klaus-Michael haben!“

Ich zog meine Augenbraue hoch und stellte fest: Eine wirklich provokante Frage. Ich fühlte mich herausgefordert und wollte weiter den argumentativen Zweikampf suchen. Ich raufte mich zusammen und erzählte Sören davon, dass für mich der Fußball-Gott gestorben ist, als der HSV gegen den Karlsruher SC in der Relegation gewonnen hat. Ich fand das alles schrecklich unfair. Sören schaute mich gutgläubig an und sagte: „Ach weißt du: Glaub nicht an den Fußball-Gott. Glaube zuerst an dich! Dann an deine Mitmenschen. Dann ist an alle gedacht.“

Ich verzog schon wieder meine Augenbraue und vermutete mich in einem Esoterik-Seminar für FDP-Politiker. Nun gut, dann eine weitere Provokation meinerseits. Ich erzählte ihm, dass schon Nachrufe über den HSV geschrieben wurden. Sören, die scheinbare Lässigkeit in Person zog an seiner Rothose und konterte: „Ohha, ein Nachruf. Totgesagte leben länger. Hat auch schon die Stern-Stimme Köster geschrieben. Da stehen wir drüber. Wir sind der HSV! Wir sind unabsteigbar! Niemals 2. Liga!“

Er war einfach nicht davon abzukriegen, positive Energie zu verschenken. Der Sören war ein Fan, so wie er wohl im Lehrbuch steht. Bedingungslose Liebe und Hingabe. In guten wie in schlechten Zeiten.

Schlechte Zeiten. Die letzte Vorlage für letzte Fragen: Was ist, wenn der HSV wirklich mal aus der 1. Liga absteigt? Wenn die Relegationsspiele nicht über die Auswärtstor-Regel oder diskussionswürde Schiedsrichterentscheidungen in der Nachspielzeit geholfen haben? Wenn der HSV nicht mal mehr das Glück auf seiner Seite hat?

Sören holte tief Luft. Wirklich ganz tief Luft. Ich hatte dabei das Gefühl, dass er diesen Gedanken ein wenig kreisen lassen wollte. Aber nichts dergleichen. Nur Sekunden später sprudelte es aus ihm heraus. Jeder Satz so geschmeidig wie ein junger Leopard:

„Hamburg ist die schönste Stadt der Welt! Der HSV hat die besten Fans der Welt! Stadion? Jedes Mal ausverkauft! Ausverkauft! Absteigen? Wir schaffen das nicht! Euer Hass ist unser Stolz! Wir brauchen die 1. Liga nicht! Die erste Liga braucht den HSV!“

Ich versuchte Sören zu beruhigen, aber er ließ nicht locker. „Wir sind der HSV! Wir sind unabsteigbar! Niemals 2. Liga! Ende! Aus! Kapier es endlich!“

Ich sagte: Sag niemals nie! Und wachte auf.

By Nino

Nachruf zum Hamburger Sportverein – HSV

hamburger-sv-174209_960_720
Ja er ist von uns gegangen. Der große und mächtige HSV ist nicht mehr unter uns.

Sehr geehrte Damen und Herren wir haben uns hier und heute zusammengefunden, um den HSV endgültig zu Grabe zu tragen. Legenden sterben nie, doch diese Legende ist schon lange alt, krank und entschlafen.

Der HSV wurde am 29. September 1887 als SC Germania geboren und als Hamburger SV am 2. Juni 1919 vor 97 Jahren aus der Taufe gehoben.

Gestorben ist der Verein irgendwann in den letzten paar Jahren. Aufgrund gewisser Umstände ist es uns nicht möglich ein eindeutiges Todesdatum zu benennen, da der Komapatient schon zu lange nicht mehr in der Lage war, irgendwelchen Einfluss auf das tägliche Fußballgeschäft zu nehmen.

Es war ein schleichender Prozess, der die sogenannten Rothosen aus dem Leben drang. Künstlich am Leben erhalten durch zahlreiche Interventionen des Totengräbers Kühne und sportlich zweimal am Rande der Bundesliga Existenz vorbeigeschrammt, bleibt uns das Geschaffene des HSV, der uns vor ewigen Zeiten auch begeisterte. Dabei reden wir hier nicht vom kurzen Aufblühen in der Europa-League oder an den Stoffdino oder Lotto King Carl, NEIN das kam alles als es schon viel zu spät war.

Wir erinnern uns gerne an die Jahre 1973 bis Mitte der 80er Jahre, mit der Krönung des Gewinns des Pokals der Landesmeister, dem Vorläufer der Championsleague 1983. Diese Zeit bleibt unvergessen und wir sprechen mit Ehrfurcht von diesen Jahren als wirklich jeder Fußballfan in Europa den HSV kannte und respektvoll schätzte.

Doch diese Leistungen, Erfolge und schönen Zeiten sind lange her und es hatte immer mehr den Anschein, dass der HSV in den letzten 30 Jahren von den Erfolgen zehrte und sich dennoch als internationales Schwergewicht sah, obwohl es ihm nicht gelang diese Erfolge auch nur annährend zu wiederholen.

Ein Trainer folgte auf den nächsten und vor allem das Management und der Führungszirkel entpuppten sich als größtes Hindernis, dem Sterbenden Heilung und Revitalisierung zukommen zu lassen. Doch der Patient HSV war längst abhängig von Menschen deren eigener Vorteil längst über das des Patienten und dessen Anhänger ging und damit war der schleichende Tod besiegelt.

Nach Außen wurde zwar oft versucht mit spontanen Interventionen dem Patienten HSV Leben einzuhauchen, doch das Umfeld und die Führung ließen keinen Zweifel daran aufkommen, dass niemandem wirklich an der Gesundung des Patienten gelegen war. So wurden im Umfeld Spaßfußballer wie van der Vaart mit ehrlich arbeitenden Hausfrauen als Heilsbringer gefeiert, nur um diese dann auch wieder abzuschieben. Aber all dies waren nur Symptome der Krankheiten, an der der HSV letztlich zu Grunde ging. Die Krankheiten hießen Geltungssucht, Größenwahn, gepaart mit zu viel finanziellen Mitteln und fußballerischer Unkenntnis. Diese Hybris ließ ein Führungsumfeld entstehen, welches nicht nur gegeneinander und für die Bildzeitung arbeitete, sondern in erster Linie schadhaft für den Patienten HSV war.

So kam es wie es kommen musste und der HSV siechte dahin. Wir können zwar noch seine sterblichen Überreste sehen – manchmal – aber auch das grenzt eher an Leichenfledderei.

Also bitte meine Damen und Herren erheben sie sich für das letzte Bundesliga Geleit für den HSV. Verabschieden sie das Gründungsmitglied der Bundesliga ehrenvoll, solange es noch möglich ist.

HSV wir danken dir für U. Seeler, Tradition, Erfolge von vorgestern und als schlechtes Beispiel für Missmanagement, Eitelkeit und Intriganz.

Wir trauern mit den HSV-Fans und hoffen, dass diese in der Lage sein werden die Verantwortlichen für den Tod des HSV abzustrafen und eine neue Liebe zu finden.

Mein Herzliches Beileid,

Möge der HSV Frieden finden und seine Anhänger Trost.

Ihr Pfr. Baba