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„Was bisher geschah…“ Teil 7

Sieben

Mit Teil 7 unserer Kategorie „Was bisher geschah…“ schauen wir nach längerer Zeit mal wieder zurück auf bisherige Texte. Das diese mittlerweile, in aller Bescheidenheit:-), nicht mehr ein paar sind, sieht man darin, dass zwei Rückblicke mit dabei sind.
Die Hälfte der Texte beschäftigt sich allerdings mit RB Leipzig und dem damit verbundenen Dauerthema „Traditionsvereine vs. Plastikclubs“. Einem großen Traditionsverein widmete sich Baba, der einen vorausschauenden Nachruf für den Hamburger SV geschrieben hat. Mit dem ersten Abstieg in die zweite Bundesliga ist dieser dann auch brandaktuell. Viel Spaß beim Stöbern.

61. Die 22 Antworten zur EM 2016…die letzten 8

62. „Was bisher geschah…“ Teil 3

63. Gedanken zum Auftaktspiel zur 1. Fußball-Bundesliga Saison 2016/2017

64. Kommentar zur fehlenden Ignoranz für RB Leipzig

65. Danke für die Polarisierung, RB Leipzig! Teil 1

66. Danke für die Polarisierung, RB Leipzig! Teil 2

67. Traditionsvereine vs. Plastikclubs Teil 2

68. Nachruf zum Hamburger Sportverein – HSV

69. Hass auf RB Leipzig! Nicht mehr alle Dosen im Schrank? Teil 1

70. „Was bisher geschah…“ Teil 4

By Baba und Nino

 

P.s: Weitere Leseempfehlungen sind auch der Teil 1, Teil 2, Teil 5 sowie Teil 6.

Schafft den Transferticker ab!

 

Ticker

#Transfer-Wahnsinn #Transfer-Irrsinn #Transfer-Theater…wie man’s auch nennen will, dass was in der 2017er-Sommer-Transferperiode gespielt wurde, war hochgradig nervend und ich war froh, dass das ganze Bohei Anfang September ein Ende gefunden hat.

Keine Frage, diesmal gab es mit dem 222-Mio-Wechsel von Neymar vom FC Barcelona zu Paris Saint Germain (den ich sportlich durchaus nachvollziehen kann, warum steht hier), und der erstmal einjährigen Ausleihe von Mbappè vom AS Monaco zu PSG, mit Möglichkeit zum Kauf für 180 Millionen im nächsten Jahr auch sehr, sehr viel zu berichten. Nicht zu vergessen: die streikenden Profis Dembelè #BVB #FCB und Coutinho #LFC.

Was mich aber nicht weniger nervt, ist die Tatsache, dass die Schließung des „Transferfensters“ nicht dazu geführt hat, dass dieses Thema von den üblich verdächtigen Sportmedien #Kicker #Sport1 #SportBild #SkySport #SPOX vorerst beendet wurde. Ganz im Gegenteil: Es wird weiter munter drauf los spekuliert, welcher Verein welchen Spieler „jagt“, „ins Auge fasst“, „auf dem Einkaufszettel hat“ und/oder in den jeweiligen „Poker um Spieler XY einsteigt“.

Das ganze Schmierentheater ist leicht erklärt: Die Zeitung A schreibt „nach unseren Informationen“ (wahlweise im „Eilmeldung“- und/oder „Exklusiv“-Modus) das Verein B den Spieler C will. Die Zeitung X berichtet über das Gerücht von Zeitung A und schmückt die „Geschichte“ noch etwas aus. Dann wird von Zeitung X der Verein B zum Gerücht von Zeitung A befragt. Ob denn was dran wäre, an dem Gerücht von Zeitung A. Im besten Fall antwortet Verein B auf die Frage von Zeitung X und Zeitung X macht daraus wieder eine „Geschichte“. So läuft das dann die ganze Zeit. Nicht mehr während einer Transferperiode, sondern das ganze komplette Jahr. Das die Sportmedien, allen voran deren Online-Angebote von Klickzahlen gewissermaßen abhängig sind, weil mehr Werbung geschaltet werden kann, dafür habe ich ja sogar noch Verständnis. Aber doch nicht mit jedem Sch…

Nehmen wir nur mal zwei der letzten Stilblüten des oben beschriebenen Spiels… Numero Uno:
Bayern Spieler Vidal wurde letztens von den beiden Mailänder Vereinen #Milan #Inter „heiß umworben“. Auffällig dabei auch die Kriegssprache „man plane einen neuen Angriff“ … mehr dazu später auf diesem Blog. Glücklicherweise war die Antwort von Bayerns Vorstandsboss Rummenigge eineindeutig: „Ich kann einen Abgang von Arturo zu 100 Prozent ausschließen.“

Numero Due:
Das von M. Basler in die Welt gesetzte Gerücht Bayern Trainer C. Ancelotti würde im Winter 2017 nach China wechseln und hätte sogar schon einen Vorvertrag unterschrieben. Nicht nur die Sportmedien nehmen diesen Ball dankbar auf und berichten über dieses „irre Gerücht“ und machen daraus wieder weitere „Storys“. Und was antwortet M. Basler auf die Frage, woher er das denn wüsste: „Das wurde mir zugetragen“. Der Quellen-Schutz geht natürlich bei Ehrenmann Basler vor, nannte sie zumindest „vertrauenswürdig“. Ahaa. Und so dreht sich das Spielchen weiter #GagaGerücht #SportBild

Nun kann das alles als Lappalie abgetan und gesagt werden: „Es gibt wichtigere Themen, kümmere dich um diese.“ Schon in der Kindheit wurde einem oft gesagt: „Der Klügere gibt nach.“ Was man damals noch nicht kapiert und einem auch nicht gesagt wurde (wohl aufgrund des Lerneffekts): „Dann gewinnt der Dumme.“

Auf den Transfer-Wahnsinn übersetzt heißt das: „Lies doch den ganzen Sch… nicht mehr.“ #Dumme Aber dann bleibt eben auch alles beim Alten. Nur wenn ich sage, was mir nicht passt, kann die Sache verbessert werden. Auf diese Weise kann doch Fortschritt stattfinden #Klügere.

Also liebe Sportmedien XYZ: Bald ist ja Weihnachten und da darf man sich bekanntlich was wünschen: Bitte schafft den Transferticker ab! Widmet euch anderen Themen, Themen die Substanz haben. Überlegt bitte zweimal, ob ihr jede noch so absurde Nachricht und/oder Informationen von Sportmedium XYZ abschreibt, weiter spinnt oder auf irgendwelche Spekulationen von sogenannten Experten hört. Es ist doch sicherlich auch für jeden Journalisten immer wieder frustrierend, wenn man bei Verein B nachfragt, ob an dem Gerücht von Zeitung X was dran ist und die Antwort erhält: nein. Gerade in Zeiten von Fake News sind sauber recherchierte Meldungen eine Wohltat.

Es wäre ein kleiner Mosaik-Stein, dem ganzen Wahnsinn um #Kommerzialisierung #Eventisierung des Fußballs Einhalt zu bieten. Ansonsten muss sich der Fußball-Fan an die Einhaltung der 11-Anti-Kommerz-Gebote halten und so seinen Beitrag leisten.

Ich bin mir nämlich fast sicher, dass auf dem Transfermarkt weiterhin mit aller Ausdauer und Entschlossenheit täglich jedes noch so lausige Gerücht heiß und fettig gehandelt wird…Wetten, dass..?

By Nino

 

Und niemals vergessen – Bericht zu #FCUDSC

EingangAlteFörsterei

Gemäß den 10-Anti-Kommerz-Geboten war es wieder an der Zeit eines der Gebote in die Tat umzusetzen. Um genauer zu sein, das Fünfte: „Du sollst ins Stadion gehen. Schau dir nach Möglichkeit keine Spiele im Fernsehen an. Das vollendete Fußball-Erlebnis kriegst du nur im Stadion.

Die Entscheidung fiel dieses Mal auf das Heimspiel des 1. FC Union Berlin vs. DSC Arminia Bielefeld. Sonntags-Mittag im Stadion an der Alten Försterei, dem Sehnsuchtsort vieler Fußballromantiker. Ein schmuckes Stadion, in vielen tausenden Arbeitsstunden von vielen tausenden Eisernen mit gebaut.

BauPilzAlteFörsterei

Ich war hier schon öfters, erstmals bei einem Testspiel gegen Hannover 96, bei minus 10 Grad. Dafür aber direkt hinterm Tor und bestem Blick auf’s Spiel, 2:1 siegten damals Union. Es folgten noch weitere Spiele, alle bei angenehmeren Temperaturen. Besonders in Erinnerung bleibt mir der Besuch im #WMWohnzimmer zur Weltmeisterschaft 2014. Die Niederlande spielte im Halbfinale vs. Argentinien und es wurde ein langer Abend mit wechselnden Wetterverhältnissen. Am Ende gewannen die Argentinier mit 4:2 nach 11er Schießen und zogen ins Finale ein. Der Rest der Geschichte ist bekannt.

Diese ganz besondere WM-Aktion brachte Union Berlin bundesweite Sympathien ein und ich frage mich heute noch, warum nicht viel mehr Clubs solche schönen Aktionen auf die Beine gestellt haben. Aber so viel zur Vergangenheit, zurück in die Gegenwart.

BlickvonOben

In diesem Spiel trafen der spieltagsbedingte Tabellensechste auf den Tabellenzweiten aufeinander. Bei sommerlichen Temperaturen machten wir uns auf den Weg und von weitem konnten wir schon die ersten Gesänge von den Rängen hören. Der Einlass konnte zügig erfolgen und auch die Ordner waren allesamt freundlich und zuvorkommend. Das erste Bier war schnell besorgt und der Stehplatz nach Umrundung des Stadions dann auch gefunden.

Vor dem Anpfiff wurde die Vereinshymne von den Union-Fans in aller Inbrunst mitgesungen, auch die Bielefelder erzeugten mit ihren Trommeln und Geklatsche einiges an Lautstärke. Der Anpfiff erfolgte pünktlich und die Stimmung war von da an prächtig.

BlickvonObenTeil2

Auf dem Platz entwickelte sich ein rasantes Spiel, bei dem Union Berlin mehr Spielanteile und Chancen hatte. Bielefeld war dementsprechend bemüht die Abwehrreihen geschlossen zu halten und ab und an einen Gegenangriff zu starten. Einziges Highlight war der Lattenknaller eines Bielefelders, der von unserer Sicht damit zu erkennen war, dass der Ball sich rasant vom Tor entfernt hatte. Somit blieb es beim 0:0 Unentschieden und pünktlich wurde zur Halbzeitpause abgepfiffen.

Die Pause haben wir zur Besorgung des Doubles Stadionwurst&Bier genutzt. Da dies etwas länger als gedacht dauerte, verpassten wir den ersten Torjubel. Quasi mit Anpfiff und der ersten Aktion gelang den Bielefeldern die 1:0 Führung, die in der ersten Jubel-Wahrnehmung eher ein Tor für Union war. So kann man sich täuschen.

PanoramaStadion

Die Rückkehr auf den Rang erfolge umso schneller und wir verfolgten das weiterhin turbulente Spiel. Union drängte auf den Ausgleich, der dann auch nach wenigen Minuten, in der 55.ten um genau zu sein, gelang. Hartel staubte im 5-Meter-Raum nach Vorarbeit von Polster ab.

Es folgte eine Sturm und Drang Phase von Union, die von den Bielefeldern mit allen Kräften abgewehrt wurde. Zu einer insgesamt unschönen Szene kam es, als Polter mit einem Bielefelder eine akrobatische Einlage vorführten. Polter blieb länger auf dem Boden liegen und nachdem der Schiri keine Gelbe Karte zeigte, entwickelte sich gellendes Pfeifkonzert, garniert mit anfänglichen „Schieber“-Rufen und letztlich „Hoyzer-Rufen“. Da wurde mir wieder klar, dass der Schiri die ärmste Sau auf dem Platz bleiben wird. Selbst wenn der Video-Assistent unterstützend zur Seite steht, die Wahrnehmung im Stadion selbst wird immer eine andere sein. In diesem Zusammenhang erwischte ich mich dabei auch, dass ich da gerne mal die Wiederholung gesehen hätte. Aber soviel dazu.

Standardsituation

Die weiteren Angriffsbemühungen der Unioner blieben erfolglos, so dass das Spiel 1:1 endete. Die Bielefelder stehen nun mit 10 Punkten auf dem 3. Tabellenplatz, Union folgt mit 8 Punkten auf dem 4. Rang.

BlickaufSpielfeld1

Dank der Fans, des attraktiven Spiels war es wieder mal ein rundum tolles Stadion-Erlebnis, dass nicht zu ersetzen ist. Die Gesänge, die Nähe zum Spielfeld, das Verfolgen des Spiels ohne 10 Zeitlupen-Wiederholungen, das Raunen nach einer vergebenen Chance. Das alles macht den Stadion-Besuch zu einem Ereignis. Besonders auch im Stadion an der Alten Försterei.

By Nino

 

 

Leserbrief zur stern-Stimme Philipp Köster

Sterne

Lieber Herr Köster,

dies ist ein Leserbrief zu ihrem Artikel „Lasst die Fans doch Timo Werner auspfeifen!„.

Eigentlich war Ihre letzte „Kabinenpredigt“ zum Thema „Der Fußball und der Kommerz – ein hoffnungsloser Fall“ schon ein Leserbrief wert. Ich entschied mich dann aber nicht auf den öden Mecker-Zug aufzuspringen. Dann doch lieber die 10 Anti-Kommerz-Gebote formulieren und proaktiv etwas gegen die Kommerzialisierung im Fußball-Geschäft zu tun.

Mecker-Zug deswegen, weil sich Ihre bisherigen 20 Texte nur um den FC Bayern München, Borussia Dortmund, Kritik am Kommerz oder was alles langweilig ist (die Meisterschaft generell, die dann der FCB gewinnt oder dessen schnöde Meisterfeier) oder den HSV drehen, dann aber nur in Verbindung mit dem FCB (8:0 Niederlage). Neben diesen Themen gibt es lediglich Ausnahmen (Nationalmannschaft, SC Freiburg, gute/böse Schwalben, Sportsgeist von Julian Nagelsmann). Aber das war es dann auch schon. Leider.

Jetzt also Timo Werner und die Pfiffe beim WM-Qualifikationsspiel vs. San Marino. Da die Pfiffe, vor dem Hintergrund der Vorgeschichte, so vorhersehbar wie das Amen in der Kirche waren, habe ich mich auch mit dem Thema beschäftigt und die passende bzw. luftige Geschäftsidee entwickelt. In der leisen Hoffnung, dass Timo Werner dann von allen sogenannten Fußball-Experten ein amtlicher #BossMove attestiert wird.

Kurz zusammengefasst müsste, wenn es nach Ihrer Meinung ginge, diesem unwürdigem Treiben jedoch kein Ende gesetzt werden, weil Timo Werner selbst dran schuld ist. Richtig so? Also immer schön weiter mit den Pfiffen und der einhergehenden öffentlichen Demontage eines Fußball-Spielers. Besteht denn noch die Chance, dass sich Timo Werner „rehabilitiert“? Ab wann kann denn nach Ihrer Ansicht nach Schluss damit sein? Den Fehler hat er, wenn auch reichlich spät, eingestanden und er würde es gerne rückgängig machen. Soll er mit dem Fußball spielen aufhören? Da sehe ich die Schlagzeile schon vor mir: „Timo Werner beendet Karriere- Die Pfiffe wurden ihm zu viel“. Reißerischer geht’s bestimmt, da kennen Sie sich besser aus.

Dabei geht es bei diesem Thema nicht nur um die Pfiffe, sondern auch um die leidigen Begleiterscheinungen, die sie kritisieren. Dazu will ich Ihnen folgendes sagen, zur besseren Nachvollziehbarkeit geht’s chronologisch oben los.

„Lasst die Fans doch Timo Werner auspfeifen!

Die allgemeine Empörung wegen der Pfiffe gegen Timo Werner ist völlig übertrieben und außerdem kontraproduktiv. Für den Spieler und die Funktionäre gilt: Einfach mal die Klappe halten, findet stern-Stimme Philipp Köster.

Es spricht nicht gerade für den Spannungsgehalt des einseitigen WM-Qualifikationskicks gegen San Marino, dass hinterher nicht über die bisweilen fahrlässige Chancenverwertung der deutschen Elf beim 7:0 debattiert wurde, sondern über die Pfiffe, die sich der Leipziger Stürmer Timo Werner bei seiner Einwechslung anhören musste.

Was war anschließend die Aufregung groß. Bei den Medien, die gleich mal mit ganz großen Kanonen schossen. „Unfassbar dämlich“ seien die Pfiffe gewesen, keuchte die „Welt“, der „Express“ fand sie gleich „einfach nur erbärmlich“ und Eurosport erblickte zitternd „eine wahre Hetzjagd“. Anders als mit derart pochender Halsschlagader können heute fußballerische Themen offenbar nicht mehr verhandelt werden. Was auch an der Dauerempörung der Funktionäre liegt. RB-Geschäftsführer Oliver Mintzlaff keifte „Frechheit“ und Bundestrainer Jogi Löw barmte, einer, der 21 Tore in der Liga geschossen habe, „der darf nicht ausgepfiffen werden!““

Die von Ihnen zitierten Medien und deren Überschriften sind wirklich übertrieben und weit von sachlich entfernt, keine Frage. An sich bergen sie jedoch aber auch einen Funken Wahrheit in sich. Leider ist es, nicht wie von Ihnen genannt, ein fußballerisches Thema. Es geht schlichtweg darum, einen jungen Spieler wegen einer unfairen Aktion und seiner Vereinszugehörigkeit öffentlich zu beschimpfen. Ihr 11Freunde-Kollege Reich hat das treffsicherer beschrieben: „Indes: Mit Pfiffen ist es in der Causa Werner nicht mehr getan. Auf Mallorca gibt es mittlerweile T-Shirts mit Werner-Schmähungen zu kaufen, eine Ballermann-Schmeißfliege namens Ikke Hüftgold hat Werner gar ein »Lied« gewidmet, das niemand hören sollte, der nicht direkt zehn IQ-Punkte verlieren will.

Die „Dauerempörung der Funktionäre“ kommt ja auch nur deswegen zu Stande, weil es 1. zu einem Dauerthema geworden und 2. es die Pflicht von Funktionären ist, solchen Entwicklungen nicht tatenlos zuzuschauen. Was würde denn erst geschrieben, wenn die Funktionäre „ihre Klappe halten würden“? Dann heißt es doch: Timo Werner hat keine Unterstützer mehr. Niemand nimmt ihn in Schutz. Niemand stellt sich vor ihn. Die Funktionäre haben schließlich auch eine Verantwortung gegenüber den Spielern.

„Jeder darf pfeifen, wenn er will

Es wird Löw und die anderen Funktionäre erstaunen, aber tatsächlich dürfen Zuschauer in Fußballstadien pfeifen, wann und wo sie wollen. Der Erwerb eines Tickets verpflichtet nicht dazu, brav bei jedem schnöden Kurzpass zu jubeln und bei jedem eingewechselten Stürmer ekstatisch zu jubeln. Derzeit jedenfalls noch nicht, aber vielleicht überarbeitet Oliver Bierhoff ja gerade schon die Geschäftsbedingungen.

Dabei muss man überhaupt nicht darüber streiten, dass die Pfiffe gegen Werner albern sind. Der junge Mann ist vor längerer Zeit mal etwas zu engagiert durch den Schalker Strafraum geflogen, wobei die Schwalbe handwerklich nicht einmal ordentlich gearbeitet war. Sicher, anschließend wäre ratsam gewesen, den Pfiff des Referees nicht auch noch mit gerecktem Daumen zu quittieren und hinterher ein bisschen fixer Reue zu zeigen. Aber er ist noch „so jung“ (Joachim Löw), man könnte es also irgendwann auch mal gut sein lassen, was nicht minder für die bescheuerten Gesänge gilt, Timo Werners Mutter entstamme dem horizontalen Milieu.“

Hmh, wenn man nicht mehr darüber streiten muss, dass die Pfiffe gegen Werner albern sind, warum kann diese Albernheit kein Ende finden? Es stellen sich mir daher immer wieder die gleichen Fragen: Was soll er denn noch machen? Aufhören? Vereinswechsel? Das Bundes-Jogi darauf hinweist, dass er „so jung“ ist, ist absolut gerechtfertigt. Er ist 21 Jahre alt. Wenn’s gut läuft, dann spielt er noch 12 Jahre Fußball.

„Man muss allerdings auch konstatieren, dass sowohl Timo Werner als auch die umgebenden Funktionäre bislang keine allzu glückliche Figur machen. Um es kurz zu machen: Wäre der junge Nationalspieler klug beraten gewesen, hätte er einfach mal den Mund gehalten. Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass immer mal wieder einzelne Spieler zu Sündenböcken gemacht werden. Er ist nicht der erste und nicht der letzte, dem so etwas passiert. Damit muss und kann man klar kommen. So wurde Mario Gomez ja über Jahre beharrlich ausgepfiffen. Der Stürmer nahm die Pfiffe des Publikums stets gelassen und unaufgeregt hin, jammerte nicht, kickte unverdrossen weiter und ist inzwischen wieder ein sehr wohlgelittenes Mitglied des Löw-Ensembles.“

Ihr Hinweis auf die früheren Zeiten ist richtig, macht die Sache aber dadurch nicht besser. „Sündenböcke“ oder „Reizfiguren“ wird es wohl auch in Zukunft geben. Dabei ist aber auch entscheidend, von welcher Seite so eine Rolle gefordert und gefördert wird. „Reizfiguren“ werden auch weiterhin ihre Reize neben und auf dem Platz setzen, um für Aufregung sorgen zu können. Da entwickelt sich ein dankbares Geben und Nehmen zwischen Spieler, Medien und Öffentlichkeit. Fußballspieler die gerne im Vordergrund stehen wollen, die gab es schon immer #Kahn #Cantona #Ronaldo #Effenberg #Matthäus #Basler

Haben Sie bei Timo Werner den Eindruck, dass er von den genannten Ex-Profis die Nachfolge antreten will? Das er geradezu nach Aufmerksamkeit giert? Dass er sich ständig in den Mittelpunkt drängt und hochgradig mitteilungsbedürftig ist? Ich schätze eher ein, dass er gerade das alles nicht will.

Des Weiteren hinkt der Vergleich zu Mario Gomez, auch wenn er jahrelang in der Kritik, teilweise berechtigt, teilweise unberechtigt stand. ARD-Kommentator und Ex-Profi Mehmet Scholl hat sich für seinen „Wundliegen-Spruch“ 3 Jahre später bei Gomez öffentlich entschuldigt. 3 Jahre sind in der Fußball-Welt eine verdammt lange Zeit.

Überdies ist Mario Gomez 31 Jahre alt und damit 10 Jahre älter als Timo Werner. Auch das ist in der Fußball-Welt eine verdammt lange Zeit.

Es stellt sich auch die Frage, woher Sie einschätzen wollen, dass man damit klarkommen muss und kommen kann? Abgesehen davon, ist es doch an der Zeit, mal die Regeln des Umgangs neu zu ordnen bzw. zu alten Tugenden zurück zu kehren. Was ist das denn bitte für eine Fußball-Kultur? Da braucht man sich auch nicht wundern, wenn sich immer mehr Fans vom Fußball abwenden, weil sie von solchen Aktionen einfach angewidert sind.

„Timo Werner: „Ein bisschen frech“

Werners Einlassungen zu dem Thema waren hingegen eher konfliktfördernd. „Ein bisschen frech“ seien die Pfiffe gewesen, konstatierte Werner. Das klang tatsächlich so, als weise ein Lehrer einen vorlauten Schulbuben zurecht. Auch sein Hinweis darauf, das Thema werde nur deshalb aufgebauscht, weil er bei RB Leipzig spiele, war eher unglücklich, lud diese Bemerkung die Pfiffe doch völlig unnötig noch mehr auf, nicht nur als Kritik an Werner, sondern en passant auch noch als Kritik am Brause-Franchise RB Leipzig.“

Nunja, wie oben bereits erwähnt, kam die Einsicht bei Werner reichlich spät und sein professioneller Umgang mit den Reaktionen ist noch, sagen wir mal, ausbaufähig. Der Hinweis auf RB Leipzig ist allerdings absolut richtig. RB Leipzig hat sich mit dem Aufstieg in die 1. Bundesliga zum polarisierendsten Club in Deutschland „entwickelt“. Der Hass auf RB Leipzig ist in der Gänze bald nicht mehr zu erklären. Meine Vermutung zu den Pfiffen von Nürnberg ist daher auch, weil Timo Werner die Schwalbe in einem Spiel vs. Schalke 04 „gearbeitet“ hat, wie Sie es so schön handwerklich beschrieben haben, und der 1. FC Nürnberg seit über 30 Jahren eine Fanfreundschaft mit Schalke 04 vereint. In den Farben getrennt, im Hass vereint. Manchmal ist die Fußballwelt eine kleine, wahrscheinlich beim IQ der Pfeifenden auch.

„Es sind die alten Gesetze der Aufmerksamkeitsökonomie: Je mehr öffentlichen Widerhall die Pfiffe finde, je mehr sich das Establishment aufregt, je mehr Schlagzeilen aufgeregt einen vermeintlichen Tabubruch verkünden, desto mehr werden sich die Leute beim nächsten Länderspiel wieder die Seele aus dem Leib pfeifen. Nicht, weil Werner das „Kollektiv-Feindbild der Fans“ ist, wie verkündet wurde. Sondern, weil es so verlockend ist, mit ein paar billigen Pfiffen die Fußballwelt in Aufruhr zu versetzen.“

Diese Einschätzung ist wahrlich eine originelle. Das würde also im Umkehrschluss bedeuten, dass die Nürnberger Fans im Wissen der alten Gesetze der Aufmerksamkeitsökonomie deshalb gepfiffen haben, weil sie mit ein paar billigen Pfiffen die Fußballwelt in Aufruhr versetzen wollten!? Dies wäre eine ganz und gar intellektuelle Glanzleistung. Damit spielt man dann in einer Liga mit dem ehemaligen BILD-Chefredakteur Kai Diekmann, der mit einem Tweet einen „Twitter-Shitstorm“ auslöst und sich am Ende dafür selbst lobt, wie er allen Twitteren die Mechanismen der Branche vor Augen geführt hat. Wenn es denn so wäre…

Außerdem können Sie doch nicht so naiv sein bzw. so tun, als würden Sie nicht zum Establishment gehören!? Sie sind der Chefredakteur des Magazins für Fußball-Kultur 11Freunde, geben Einschätzungen für Funk und Fernsehen ab und haben eine Kolumne bei stern.de. Auf neudeutsch heißt das ja #Influencer.

Das 11Freunde-Magazin hat sich ja bisher als kritischste Medium zum Thema Kommerzialisierung/RB Leipzig positioniert. Leider schießen Sie dabei auch eins ums andere Mal am Tor vorbei. Die Vorschläge wie gegen RB protestiert werden kann, reichten ja von Schallkanone bis zum Werfen von Bullenköpfen. Und sie machen sich ernsthaft Sorgen um die Fußball-Kultur? Wenn von Ihnen die öffentliche Demontage eines 21jährigen Fußball-Spielers nur als albern eingeschätzt wird, dann mache ich mir wirklich Sorgen um die deutsche Fußball-Kultur. Und nicht von der Sorte alà der jährlichen Uwe-Seeler-Sorgen um seinen HSV.

Daher wiederhole ich gern meine Fragen an Sie: Was kann Timo Werner tun, damit die Pfiffe gegen ihn ein Ende haben? Was muss Ihrer Ansicht nach passieren? Wo ist für Sie die Grenze des Erträglichen erreicht?

Soll es erst soweit kommen, dass wieder Abschiedsbriefe geschrieben werden? Sie erinnern sich an den für Mario Götze, von einem Focus-Online-Redakteur. Auch eine ganz feine Leistung. Soll das jetzt eine neue Tradition werden? Oder sehen Sie Schmähungen, Pfiffe und Anti-Gesänge als „Schmerzensgeld“ des horrenden und völlig überzogenen Gehalts? Und wer das nicht aushält, der solle lieber Beamtenmikado spielen?

Ich wäre wirklich dankbar, wenn Sie mir die Antworten zuspielen könnten.

Mit sportlichen Grüßen
By Nino