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Der eiserne Sonntagsschuss*. Ein Bericht zu FCU vs. HSV.

Vor Anpfiff

2. Fußball-Bundesliga, 31. Spieltag der Saison 2018/2019, Sonntag, 28.04.2019, 13:30Uhr, Stadion An der Alten Försterei, Berlin Treptow-Köpenick. 1. FC Union Berlin vs. Hamburger SV. Soweit so nüchtern betrachtet. Aber dieses Spiel ist nicht nur das erste Pflichtspiel des FCU vs. HSV, sondern wohl auch das Mitentscheidende um den Aufstieg in die Beletage des deutschen Männer-Fußballs.

Für beide Teams wäre es ja der erste Aufstieg, die Premiere sozusagen. Mit einem Sieg könnten die Köpenicker punktetechnisch mit den Hamburgern gleichziehen oder einen weiteren Rückschlag im Aufstiegskampf erleiden. Der HSV konnte hingegen Big Points sammeln und die Berliner um sechs Punkte distanzieren. Ein 2:2 Unentschieden wie im Hinspiel würde beiden nicht wirklich weiterhelfen. So oder so, in diesem Spiel war vor dem Anpfiff schon reichlich Brisanz.

Als ganz frischer Neu-Köpenicker war mir diese schon länger bekannt, war ich doch einige Male bei Union u.a. beim 1:1 vs. DSC Arminia Bielefeld und verfolgte die Entwicklung der bisweilen betitelten „Unaufsteigbaren“. Über den fast immer lesenswerten Blog textilvergehen hatte ich mitbekommen, dass dieses Spiel seit Wochen ausverkauft war. Umso überraschender kam die Nachricht eines Freundes, der über Kontakte noch an Karten gekommen war. Die schnelle private Abklärung und im Ergebnis erfolgreiche Zusage erfolgten noch am Vorband des Spiels. Ein dreifach Hoch auf den Kompromiss!

Kompromisse muss man wohl manchmal auch als Fußball-Fan eingehen, denn die Ambivalenz wurde mir im Nachgang der Zusage bewusst: Als gebürtiger Himmelblauer Chemnitzer FC-Fan, örtlich gebundener Köpenicker an einem Spiel gegen den Hamburger SV teilnehmen. Der FC Union Berlin rangiert ja für mich weit vor dem HSV in der Sympathie-Tabelle. Ich war ja sooooo erleichtert, als der HSV endlich in die zweite Bundesliga abgestiegen war und für mich der Fußball-Gott wiedergeboren wurde. Die Sympathien waren also vor dem Anstoß klar verteilt und die Vorfreude auf ein schönes Spiel noch größer.

Die Vorberichte ließen auch erahnen, in welche Richtung die Partie gehen würde: „Zurück in die Erfolgsspur kämpfen“ (FCU) vs. „Mit Courarge und Charakter: Im Endspurt durchstarten“ (HSV). Beide Teams konnten in den letzten fünf Partien keines gewinnen, eine Ergebnis-Flaute zur Unzeit. Die Raute, die tragen ja bekanntlich die Hamburger Fans im Herzen. Sie füllten den Gästeblock voll aus. Ihr Schietwetter hatten sie zum Glück zu Hause gelassen. Sie waren wohl der Meinung das Hilfe von ganz oben nicht nötig gewesen wäre. Die Unioner konnten sich auf ihre Fans auch so verlassen. Der Beistand kam aus tausenden schreierprobten Kehlen. Hier traf also auch die Berliner Schnauze auf die „Hemd-Kragen-oben-Fischkopp-Fraktion“. Diese Atmosphäre ist für einen Himmelblauen dann doch sehr beeindruckend. Aktuell sind ja schon 8tausend Zuschauer das höchste der Gefühle. Aber diese und andere sollten für 90 Minuten verdrängt werden, denn ich war als Freund des schönen Spiels da und war gespannt, wie vor allem Union das Ziel Heimsieg erreichen wollte.

Zum Anpfiff gab es auf beiden Seiten beeindruckende Choreografien, wobei die Hamburger mit ihren Rauchschwaden für wenig Durchblick sorgten.

Union Rauch

HSV Rauch

Die erste Torchance konnte Union Berlin direkt auch in der ersten Minute verzeichnen, doch Sebastian Parensen verzog den Ball dermaßen, dass es auch von weiter weg weit drüber aussah. Die nächsten spielerischen Akzente setzten die Hamburger, die durch Bakery Jatta und Aaron Hunt zu Torchancen kamen, aber auch erfolglos blieben. Weitere Highlights gab es im weiteren Verlauf nicht vor dem Tor, sondern an der Seitenlinie. Dort legte sich der Hamburger Rick van Drongelen mit dem Linienrichter an. Nach der innigen Kontaktaufnahme wunderte ich mich schon, dass hierfür nicht der erste gelbe Karton gezeigt wurde. Dafür zeigt der Schiri deutsche Pünktlichkeit und beendete die ersten 45 Minuten ohne Zeitverzug.

Die Halbzeitpause wurde wie immer genutzt, um die ersten schnellen Hellen um die Ecke zu bringen, auch ziemlich deutsch in der Warteschlange.

Halbzeit

Die zweite Halbzeit begann auf Unioner Seite unverändert, HSV-Trainer Hannes Wolf brachte Hee-Chan Hwang für den Abwehrspieler Josha Vagnoman. Dieser fehlte dann auch gleich in dieser, denn Robert Zulj konnte mit der ersten Chance zur 1:0 Führung flach unten rechts einnetzen. Kollektiver Jubel und wohl auch Aufatmen bei den Unionern nach diesem perfekten Start. Und dieses Tor, so abgedroschen es klingen mag, tat dem Spiel gut, denn die Berliner drängten auf das zweite Tor. Aber auch der HSV wollte nun irgendwie ein Tor schießen, da der nächste Abwehrspieler in Person von Gideon Jung für den bulligen Stürmer Pierre-Michel Lasogga ausgewechselt wurde. Dieser Wechsel brachte jedoch so gut wie gar nix ein. Immer wieder war bei den hanseatischen Offensivbemühungen ein Unioner-Bein dazwischen. Insgesamt wirkten diese auch frischer und aggressiver in den Zweikämpfen. Die ersten gelben Karten wurden allerdings erst in der 81. Minute verteilt, im Ergebnis einer Rudelbildung.

Dass die Berliner aber nicht nur kämpfen konnten, zeigte eindrucksvoll Grischa Prömel, der in der 84. Minute zu einem Schuss ansetzte, für den der Begriff „Sonntagsschuss“ erfunden wurde. Nun war es nicht mehr nur kollektiver Jubel, sondern auch besonders lauter. Diesem konnte ich mich auch nicht entziehen, aber auch nur, weil das Tor so herrlich war. Und wer dieses Tor nicht toll fand, der hat den Fußball nie geliebt. Ebenso ansteckend war die prächtige Atmosphäre, die über 90 Minuten von den Rängen fabriziert wurde. Insbesondere die Unioner mit ihren Wechselgesängen erwiesen sich in dieser Hinsicht auf jeden Fall als erstligatauglich.

Es blieb auch mit drei Minuten Nachspielzeit bei der 2:0 Führung, die letztendlich auch verdient war.

Mit dem 2:0 Heimsieg hat sich Union Berlin tatsächlich zurück in die Erfolgsspur gekämpft. Dieser sollte doch Aufwind für die letzten drei anstehenden Duelle geben. Mit Darmstadt (Auswärts), Magdeburg (Heim) und Bochum (Auswärts) stehen jedoch gleich weniger schwere Spiele auf dem Programm.

Für die Hamburger stehen noch die Duelle gegen Ingolstadt (Heim), Paderborn (Auswärts) und Duisburg (Heim) an. Wie im Nachgang des Spiels bekannt wurde ohne Lewis Holtby, der aufgrund seiner Nicht-Nominierung für die Start11 darum gebeten hatte, nicht mit nach Berlin fahren zu müssen. Eine weitere Hamburger Baustelle.

Mit solchen kennt man sich in Berlin zwar auch aus, allerdings abseits des Platzes. Die Union-Fans stimmten schon mal „Zweite Liga, Hamburg ist dabei“ an. Es könnte ein Evergreen werden.

By Nino

Nach Hinweisen von Lesern bedarf es einer Erklärung zur Verwendung des Worts „Sonntagsschuss“. Mit diesem wollte ich ausdrücken, dass es sich um einen besonderen Schuss gehandelt hat, ein Schuss der nicht aller Tage gelingt. Ähnlich dem Wort „Sonntagsbraten“, der auch etwas Besonderes ist. Jedoch ist die Definition für einen „Sonntagsschuss“ eine gänzlich andere, nämlich, dass dieser mit viel Glück gelingt. So gesehen ist der Begriff hier nicht zutreffend.