Himmelblaue Scham

himmelblau

4:4 vs. VSG Altglienicke am 24. Spieltag der Regionalliga-Saison Nordost 2018/2019. Das erste Unentschieden für den Chemnitzer FC, dennoch großes sportliches Kino. Dieses Spiel wird aber in diesem Sinne nicht in Erinnerung bleiben. In Erinnerung wird die Trauerbekundung für Thomas Haller im Vorfeld des Spiels bleiben.

Für wen wird man sich vielleicht fragen? Herr Haller, ein verstorbener CFC-Fan. In den 1990er Jahren gründete er „HooNaRa“, was für „Hooligans-Nazis-Rassisten“ steht. Später war er Chef jener Security-Firma, die bis 2007 den Ordnungsdienst beim CFC organisierte. Bis zu seinem Ableben war er laut Spiegel Online „einer der führenden Köpfe der lokalen Neonazi- und Hooligan-Szene […]“, kurz ein Rechtsextremist.

Eine Trauerbekundung für einen Rechtsextremisten? Eine Trauerbekundung für einen Rechtsextremisten beim Chemnitzer FC? Im Vorfeld eines Regionalliga-Spiels? In einem Stadion? Mit Pyro-Show und Schweigeminute? Allein diese ganze Szenerie ist so unfassbar und bei der Aufarbeitung derer, weiß ich gar nicht wo ich anfangen soll. Zunächst ist es klar, dass die Familie trauert. Das war, bei aller verständlichen Trauer, nicht irgendeine Trauerfeier für einen Fan des CFC. Das war viel mehr und keiner kann sich davon frei machen, nix davon gewusst zu haben. Die Truppe um Haller ist stadtbekannt und nicht wenige Chemnitzer wissen von Geschichten in Form von Schlägereien usw. oder sind selbst Opfer von diesen geworden. Das Schlimmste aber war, dass sie die Angst auf das Umfeld übertragen hatten und das hatte System.

Umso erstaunlicher ist doch die naive Annahme derjenigen Fans, zu glauben, dass diese Trauerfeier ohne jegliche Beachtung bleibt! Wissen denn z.B. die Ultras Chemnitz 99 nicht, wie der CFC laut Satzung zu Extremen jeglicher Art steht? In § 2 Vereinszweck Absatz 4 steht: „Der Verein ist parteipolitisch und religiös neutral. Er tritt rassistischen, verfassungs- und fremdenfeindlichen Bestrebungen entschieden entgegen.“ Ganz abgesehen von den letzten Bekundungen des CFC ein „Bollwerk gegen Rechtsradikalismus“ sein zu wollen. Wirft das denn keine Fragen auf? Hält man das dann trotzdem für angemessen? Klar, er war CFC-Fan, aber auch ein Rechtsextremist. Das voneinander trennen zu wollen, erfordert schon ein hohes Maß an Haltungslosigkeit. Das könnte auch ein veritables Eigentor für die Ultras werden.

Abgesehen davon ist es beschämend für den CFC, dass diese Trauerbekundung so ermöglicht wurde. Unter welchen Umständen es soweit kommen konnte, damit darf sich nun die Staatsanwaltschaft beschäftigen. Es ist auch beschämend, dass sich CFC-Mitarbeiter dafür haben einspannen lassen. Angefangen vom Stadionsprecher, zum Physiotherapeuten und auch Spieler Daniel Frahn, der für seine Aktion vom CFC bestraft wurde. Es ist beschämend, wie inkonsequent der CFC im Nachhinein gehandelt hat. Mit drei Pressemitteilungen versuchte man die Sache irgendwie zu erklären, sich irgendwie zu rechtfertigen, sich aber gleichzeitig irgendwie zu distanzieren. Wer hat da eigentlich noch das Sagen beim CFC?

Das der kaufmännische Geschäftsführer der Chemnitzer FC Fußball GmbH und Vorstand des Chemnitzer FC e.V., Thomas Uhlig, alle seine Ämter niedergelegt hat, zeugt von Haltung und verdient daher Respekt.

Dem CFC stehen nun turbulente Tage bevor, vielleicht sogar Wochen. Dabei wird sich herausstellen, wie sich diese ganze Aktion, deren Zustandekommen auf den CFC insgesamt auswirken wird. Auf das sportliche Geschehen. Auf das Insolvenzverfahren. Auf die Suche nach weiteren Investoren. Auf das Image des Clubs. Auf die Fanszene.

Die mediale CFC-Sau wird jedenfalls nicht nur über das Dorf, nein durchs ganze Land getrieben.

Der CFC muss sich jetzt entscheiden, welche Richtung er einschlagen will. Himmelblau oder Himmelbraun?

By Nino

2 Kommentare zu „Himmelblaue Scham“

  1. Respekt für deine klaren Worte. Als jemand, der weit von Chemnitz entfernt lebt, fragt man sich schon, wer da im Verein und auf den Rängen das Sagen hat. Umso wichtiger ist jeder einzelne, der gegen diesen rechten Irrsinn den Mund aufmacht. Ich wünsche dir und den anderen Anständigen beim CFC, dass euer Verein sich von diesen Tendenzen befreit bekommt. Schwarz-rote Grüße aus dem Rheinland!

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