HSV: der 20-Stunden-Tabellenführer – ein Traum

Hamburg

Es war die Nacht vom Freitag auf den Samstag, 2. Spieltag der 1. Fußball-Bundesliga, Saison 2017/2018. Der HSV hatte ein paar Stunden zuvor mit 3:1 auswärts gegen den 1. FC Köln gewonnen und wurde damit erstmals seit 2009 wieder Tabellenführer. Für jeden HSV-Fan ein historisches Ereignis, für jeden anderen Anlass perplex auf die Tabelle zu schauen. Letzte Saison der Relegation noch haarscharf entgangen, jetzt Tabellenführer. Solche Geschichten schreibt nur der Fußball.

In dieser Nacht der HSV-Tabellenführung hatte ich wieder ein Traum, wie damals nach dem letzten Spieltag der 2016/2017er Saison. Der 2:1 Sieg gegen den VfL Wolfsburg.

Ich begegnete wieder Sören, dem eingefleischten HSV-Fan, diesmal in einem Park. Wieder sprachen wir sehr lange über den HSV, die Vorbereitung auf die neue Saison, die Tabellenführung und die Zukunft des HSV. Wieder ist es ein Gedächtnisprotokoll, an alle Einzelheiten kann ich mich also nicht mehr erinnern, zum Wichtigsten komme ich aber im Folgenden.

Sören war bestens gelaunt. „Na, wie geht’s da unten? Wir grüßen von der Tabellenspitze“ sagte er im spitzbübischen Ton. Ohne die Möglichkeit auf Antwort sprach er direkt von der Energie-Leistung der Mannschaft gegen die Kölner. Jeder Spieler habe sich in jeden Ball und Bein geworfen. K. Papadopoulos sogar bis zum Umfallen. „Am Ende haben wir gar zu zehnt gewonnen! Und Köln, die spielen bald in der Europa-League? Ohje ohje, wenn die mal die Gruppenphase überstehen. Wir haben’s denen jedenfalls ordentlich gezeigt.“

Da konnte ich Sören nur Recht geben. Nach dem Auftaktsieg vs. Augsburg stehen nun 2 Siege mit 6 Punkten zu Buche. Der HSV kann es eben…überraschen auf allen Ebenen.

Sollte ich seine gute Laune auf die Probe stellen und ihn auf die Saison-Vorbereitung ansprechen? Nach kurzer Bedenkzeit entschied ich mich dann doch dafür und warf das Thema „Interviews von HSV-Investor Klaus-Michael Kühne“ in den Debatten-Ring. Der hatte im Spiegel-Interview gesagt: „Der HSV ist ein Phänomen, weil die Luschen immer hier hängen bleiben. Ein gutes Beispiel ist Lasogga, ich weiß gar nicht, ob ich an ihm beteiligt war: Musste der nach einer halben guten Saison mit einem Fünfjahresvertrag und einem Jahresgehalt von über drei Millionen Euro ausgestattet werden? Das war Harakiri, der Flop des Jahrhunderts.“ Uiuiuiui, ganz schöne Tiefschläge, so kurz vor dem Saison-Auftakt und vor allem nach dem blamablen Pokal-Aus gegen den Drittligisten VfL Osnabrück.

Sören schaute mich erstaunt an und sagte: „Hast du denn schon wieder alles vergessen, was ich dir bei unserer ersten traumhaften Begegnung gesagt habe!? Unser Klaus-Michael gibt vor der Saison wieder ein paar Interviews, bei denen er den ein oder anderen schmissigen Spruch raushaut, um den Fokus der Medien wieder wochenlang auf uns zu richten. Das ist alles Teil eines großangelegten Saison-Planes. Und in diesem Fall hat es doch wieder bestens funktioniert! Alle Medien haben das Interview gierig aufgegriffen und Schlagzeile um Schlagzeile um Schlagzeile produziert. Das verlorene Pokalspiel war da nur der geringfügige Beitrag der Mannschaft. Zumal wir uns eh auf die Bundesliga konzentrieren. Die Jungs von Matt sind stolz auf uns, das kann ich dir aber schwören!“

Ich glaubte nicht, was meine Ohren zu hören bekamen. Dermaßen verdutzt fiel mir nur die Frage ein, ob es nicht besser gewesen wäre, solche Themen lieber HSV-intern und nicht in aller Öffentlichkeit auszutragen und die Mannschaft eine störungsfreie Vorbereitung zu verschaffen. Dazu sagte Sören, gewohnt ruhig und sachlich: „Was habe ich dir gerade gesagt? Großangelegter Saison-Plan, so wie’n Matchplan, nur eben für eine gesamte Saison. Wir, beim stolzen Dino der Bundesliga, denken doch strategisch in die Zukunft. Jedenfalls und nochmal für dich im Besonderen: Das war auch alles geplant, auf Initiative vom Klaus-Michael. So hat er die Reihen geschlossen. Du hast doch sicherlich in allen Sportmedien davon lesen können, was Sportchef J. Todt gesagt hat oder etwa nicht? Er betonte „uneingeschränkt hinter jedem einzelnen Spieler unseres Kaders“ zu stehen. Dieser angebliche Rundumschlag hat doch genau dazu geführt, was sich Klaus-Michael damals dabei gedacht hat. Die Mannschaft sollte sich wieder als Mannschaft begreifen, ein Team sein. Alle für einen. Einer für Alle. Unser Klaus-Michael, der oberste Chef des HSV, ähm der größte HSV-Fan hat da lediglich die Drecksarbeit gemacht und sich dem Sturm der Empörung entgegengestellt. Aber glaub mir, der Klaus-Michael macht das gerne für seinen HSV. Wir sind ihm daher zur Dankbarkeit verpflichtet.“ #UnsKlaus-Michael

Wieder war ich erstaunt über die Interpretationsfähigkeit von Sören. Er sieht eben immer das positive, lässt sich von solchen Störfeuern nicht beeindrucken und versteht das alles als Teil eines großen Planes. Hut ab und Rothose an.

Nunja, so ganz unkommentiert wollte ich das nicht stehen lassen, vor allem das der HSV hinter allen Spielern steht. Zumal es ja Transferticker-Meldungen gab, aus denen deutlich wurde, dass Großverdiener wie L. Holtby, A. Hunt und P.M. Lassoga noch abgegeben werden sollen. Aber ich ging kurz inne und hielt mich mit diesen halbgaren Informationen zurück. Man muss ja auch gönnen lassen, denn Sören kann ja bekanntlich nix aus der Ruhe bringen, ein Quell an positiver Energie und guter Laune.

Wir kamen dann noch auf die Zukunft zu sprechen. Wie soll es denn nun weitergehen?
6 Punkte nach 2 Spielen. Vor der Saison hieß es von Seiten des „Vorstandsvorsitzenden“ H. Bruchhagen, dass man sich eher in der unteren Tabellenregion sehe. Trainer M. Gisdol sprach ähnlich: „wahrscheinlich wartet die stärkste Liga auf uns, die es jemals in Deutschland gab.“

Sören, ganz hanseatisch liebenswürdig, verwies abermals auf den Saison-Plan. Der HSV werde wieder Gesprächsthema sein, so oder so. Da stehen ja die Spiele gegen den FC Bayern München an. Oder die Nordderbys gegen den VfL Wolfsburg, SV Werder Bremen und Hannover 96. Alles sportliche Anlässe. Für den Rest sorgt schon Klaus-Michael. Mit diesen Worten in den Ohren fragte ich mich, ob ich nicht noch öfters vom HSV träumen sollte. Nach den bisherigen Erfahrungen waren immer erstaunliche Entwicklungen der Anlass für solche Träumereien.

Der Gedanke, ob ich mich darüber eher freuen oder eher doch fürchten sollte, führte dazu, dass ich wieder aufwachte.

By Nino

 

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